Informationen
Jingran
Jingran VA
Chinesisch: Qin Qiege
Japanisch: Kawanishi Kengo
Koreanisch: Lee Kyung Tae
Englisch: Vincent Lai
Jingran Forte-Untersuchungsbericht
Resonanzkraft
Qi-Künste der Unterwelt
Resonanz-Bewertungsbericht
[Kraftbewertungsbericht RA1169-G]
Das Tacet-Zeichen des Probanden befindet sich am rechten Auge und ermöglicht die Wahrnehmung bestimmter Frequenzen jenseits des standardmäßig wahrnehmbaren Spektrums. Sobald die Resonanzkraft des Probanden einen bestimmten Schwellenwert überschreitet, ist er in der Lage, ein isoliertes Feld im Raum zu erzeugen und verborgene Frequenzen sichtbar zu machen.
Um das linke Auge herum wurde zudem ein Frequenzmerkmal einer hoch entwickelten Relikt-Kreatur festgestellt. Analysen zufolge sind der Proband und die Relikt-Kreatur über diese Verbindung in der Lage, Frequenzen zu verankern, ihre Wahrnehmung zu teilen und gezielte Signale zu übertragen. Besonders hervorzuheben ist, dass der Proband durch den Einsatz seiner eigenen Lebenskraft vorübergehend das Maß an Kontrolle über die Relikt-Kreatur steigern kann. Während des Untersuchungszeitraums waren keine Anzeichen einer Abstoßungsreaktion zu beobachten. Etwaige zukünftige Komplikationen – etwa Wahrnehmungsstörungen oder ein beschleunigter Verlust an Lebenskraft – lassen sich jedoch nicht vollständig ausschließen, weshalb eine regelmäßige Nachsorge und Langzeitbeobachtung empfohlen werden.
Die Analyse der Proben ergab eine bimodale Verteilung in der Rabelle-Kurve , weshalb der Proband als angeborener Resonator eingestuft wird.
Overclock-Diagnosebericht
Zusammenfassung der Diagnose: Der Proband zeigt ein hohes Maß an Kontrolle über seine Kraft. In Risikosituationen schlägt die Aktivität der Rabelle-Kurve des Probanden jedoch ungewöhnlich aus, was sich in einer ausgeprägten Neigung äußert, sich proaktiv Gefahrensituationen auszusetzen – ein Hinweis auf ein potenzielles Risiko einer Übertaktung .
Simulationsanalysen deuten allerdings darauf hin, dass negative Emotionen für den Probanden kein Übertaktungsauslöser sind. Seine Bereitschaft, sich in lebensbedrohliche Situationen zu begeben, beruht auf seinem Bedürfnis, in ebenjenen Situationen eine anhaltende, gesteigerte Resonanzwirkung zu spüren. Auf Grundlage des allgemeinen Verlaufs des Frequenzprofils verfügt der Proband über außergewöhnliche Selbstbeherrschung und kognitive Stabilität. Dennoch weicht die Wahrnehmungsschwelle des Probanden hinsichtlich Risiken und Mortalität erheblich von der gewöhnlicher Probanden ab. Es wird daher empfohlen, dass der Proband längere Expositionen gegenüber großen Belastungen oder Risikosituationen meidet. Die fortlaufende Überwachung der Übertaktungsneigungen wird aufrechterhalten.
Jingran Geschätzte Gegenstände & Gefälligkeiten

Alter Jadeanhänger
Dieser Anhänger aus Jade war ein Erinnerungsstück an seine Geburt. Die Jade selbst war kaum von Wert und auch die Verarbeitung war nichts Besonderes. In einer Ecke des Anhängers bildeten zwei Schriftzeichen einen Namen: Jingran. Die Eltern banden den Anhänger behutsam an seine Wickeltücher und blickten voller Liebe und Glück auf dieses unschuldige Kind.
„Dem Himmel sei Dank bist du endlich hier. Danke, dass du auf diese Welt gekommen bist.“
Sie gaben ihm den Namen Ran, was so viel wie „brennen“ bedeutet, in der Hoffnung, dass er wie ein nie erlöschendes Lauffeuer brennen würde. Sie wünschten sich für ihn ein Leben, das nicht dem Streben nach Ruhm oder Wohlstand gewidmet war. Ihr einziger Wunsch war, dass er weiterbrennen würde wie ein Funke auf einer Wiese – unnachgiebig und beständig. Dass er sich niemals der Verzweiflung hingeben würde, selbst wenn kalte Nächte und unerbittliche Winde versuchten, ihn zu brechen.
Doch nun verlief ein deutlicher Riss mitten durch die weiße Jade. Jingran streicht mit unbewegter Miene darüber. Der Luchsgeist, der sich in der Nähe zusammengerollt hat, wirkt weit weniger gelassen und wedelt unruhig mit dem Schwanz. Nach langem Schweigen murmelte er schließlich leise vor sich hin: „Nur ein kleiner Riss … Wie kann dich das nach all den Jahren immer noch so beschäftigen?“

Kassenbuch
Ein abgegriffenes Kassenbuch mit vielen eselsohrigen Seiten, auf denen Aufzeichnungen über monatliche Ausgaben gekritzelt sind:
3.: Hab auf dem Markt einen Bronzespiegel mit kaputtem Griff ergattert. Der Verkäufer schwor, dass er einst einem Hütenden gehört habe. Was für ein Quatsch. Aber das Muster hat es mir angetan. Dreißig Shell-Kredite. Ob Schnäppchen oder Verlust, bleibt abzuwarten.
5.: Stecke vorerst immer noch im Reich der Trugbilder fest. Habe einen Kurier gebeten, der alten Dame etwas Bargeld zu überbringen – dürfte etwa zweitausend sein. Pack noch eine Packung getrockneter Aprikosen für die kleine Schwester ein.
7.: Habe drei Jin Pflaumen gekauft. Ein Jin zum Brauen, ein Jin für den Luchs (das olle Fellknäuel hat sich nicht mal bedankt) und ein Jin für mich.
9.: Habe mit den Leuten am Eingang der Gasse um Rohjade gewettet. Sechzig für nichts verloren.
10.: Noch mal vierzig verloren. Mist.
12.: Habe meinen Anteil am Verkauf von „Chronik des Verborgenen“ bekommen. Haben die nicht gesagt, es würde sich wie warme Semmeln verkaufen? Warum krieg ich dann nur 500?
15.: Habe einen Fensterladen im Laden ausgetauscht. Hat zwanzig gekostet. Hat diese schlaffschwänzige Katze zu verantworten. Die wird eines Tages noch dafür büßen!
18.: Gewonnen! Habe beim Glücksspiel mit Rohjade bei zwanzig Shell-Krediten im Plus aufgehört! Das Leben meint es gut mit mir. Habe mir zur Feier des Tages eine Schale mit süßem fermentiertem Reis gekauft.
Saldo dieses Monats: Keine Lust, das auszurechnen. Es würde nur schmerzen, wenn ich die Zahl sehe.

„Chronik des Verborgenen (Manuskript)“
Das Originalmanuskript von Chronik des Verborgenen. Die Ränder der vergilbten Seiten biegen sich ein und die Tinte ist schon etwas verschmiert. Der Großteil des Inhalts handelt von Jingrans Erlebnissen auf seiner Reise durch die Reiche der Trugbilder: eine verlassene Stadt, in der beim Mondaufgang luftige Opernmelodien erklingen; ein kolossaler Baum, der tief unter der Erde vergraben ist und sich am Lauf der Zeit labt; gesichtslose Darsteller, die mit der gesamten Bühnenkulisse auf dem Rücken durchs Land ziehen … Wie zu erwarten war, flossen reichlich schriftstellerische Freiheiten mit ein. Fakt und Fiktion verhedderten sich dermaßen, dass selbst der Autor irgendwann nicht mehr die Mühe aufbrachte, sie auseinanderzuhalten.
Anfangs waren es nichts weiter als Erzählungen, mit denen er die Kinder am Ende der Gasse unterhielt. Doch dann, mit jeder weiteren Geschichte, entstand schließlich genug Stoff für einen ganzen Band.
Sein Shifu hielt nichts davon, diese Geschichten festzuhalten. „Eine Reise in die Reiche der Trugbilder ist besser als alles, was Papier hergibt.“ Doch eines Nachts bemerkte Jingran, dass das Licht im Zimmer des Alten bis tief in die Nacht hinein noch brannte. Er lugte hinein und sah, wie sein Shifu völlig in das Manuskript vertieft war. Er bemerkte nicht einmal, dass jemand in der Tür stand.
Die Seiten haben bis heute überdauert. Derjenige, der sie einst in den Händen hielt, nicht.
Wenn Jingran dieser Tage auf das Manuskript stößt, kommt ihm stets derselbe Gedanke: Wenn der Alte wirklich irgendwo da unten ist und sich zu Tode langweilt …, würde er diese Geschichten dann immer und immer wieder lesen?
Jingran verdrängt diesen Gedanken, sobald er auftaucht.
Wozu auch? Zwecklos, sich jetzt noch den Kopf darüber zu zerbrechen.
Jingran Geschichte
Kapitel I: Fortsetzung folgt
Jingran kommt nicht weiter.
Sein Pinsel verharrt über der Seite. Die Tinte an der Spitze formt einen Tropfen, bis sie mit einem leisen „Platsch“ aufs Papier fällt. Und selbst dann weigert sie sich hartnäckig, zu einem Wort zu werden.
Ein unordentlicher Stapel Manuskripte liegt verstreut über dem Schreibtisch. Da ist die Geschichte über die vergessene Stadt tief im Reich der Trugbilder; der Schwarm aus Bronzevögeln, der im Mondlicht seine Bahnen zieht; die uralte, unterm Wüstensand begrabene Glocke, die stets dann läutete, wenn Stürme über sie hinwegfegten … Die ersten Kapitel sind ihm recht locker von der Hand gegangen. Doch seit er diese Seite erreicht hat, scheinen sich seine Gedanken in etwas Unsichtbarem verheddert zu haben. Zäh wie Sirup kriechen sie voran. Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit auf das leere Blatt gestarrt hat, gelingt es Jingran immer noch nicht, dieser gedanklichen Leere auch nur ein halbes Wort abzuringen. Mit einem resignierten Seufzer gibt er schließlich auf.
„Dann eben nicht.“
Er wirft den Pinsel zurück auf die Halterung und lässt sich – die Gliedmaßen in alle Richtungen gestreckt – rücklings zu Boden fallen.
Eine kühle abendliche Brise schlüpft durch die nicht ganz geschlossenen Fenster. Ein silberner Streifen Mondlicht ergießt sich über den Boden. Draußen schwillt das Zirpen der Insekten in unregelmäßigen Wellen an und ab. Jingran stützt den Kopf auf sein Handgelenk und blickt ins Dachgebälk hinauf. Wenn die Worte einfach nicht kommen wollen, wandern seine Gedanken stets zu den Geschichten, die er seit jeher schreiben wollte, aber nie zu Papier gebracht hat.
Zum Beispiel jene ersten Jahre, nachdem er im Haus seines Shifu angekommen war.
Damals schleppte ihn sein Shifu ständig hinter sich her und schimpfte mit ihm, weil er so unbeherrscht war. Andere Kinder kletterten auf Bäume, um Vogelnester zu plündern, Jingran kletterte auf die Säulen der Ahnenhalle. Andere Kinder eilten nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause, Jingran zog mit einer Laterne los, um verlassene Häuser zu erkunden. Manchmal drehte sich Yanshu, die Frau seines Shifu, nach dem Aufhängen eines einzigen Wäschestücks um, nur um festzustellen, dass er schon wieder verschwunden war. Oft musste sie das halbe Dorf Xianling absuchen, bevor sie ihn schließlich aus einem alten Brunnen oder einer Tempelruine herauszerren konnte.
Eines Sommers machte im Dorf ein seltsames Gerücht über den alten Erdgott-Tempel am Hang die Runde, der seit Jahren verlassen war und in dem es angeblich spukte. Eine Gruppe Kinder versammelte sich unter einem Baum und erzählte die Schauergeschichte in aller Ausführlichkeit nach. Eine Frau in Rot solle nach Mitternacht aus dem Gemäuer hervortreten und bis zum Morgengrauen traurige Lieder singen. Die Geschichte wurde immer unheimlicher, je häufiger sie weitererzählt wurde. Am Ende saßen alle mit eingezogenen Köpfen und Gänsehaut da.
Alle außer Jingran.
Er hörte mit wachsendem Interesse zu. Noch in derselben Nacht machte er sich allein auf den Weg zum Tempel.
Am nächsten Morgen marschierte Yanshu mit einem Besen in der Hand durch das Dorf und suchte nach ihm. Schließlich fand sie ihn auf dem Tempeldach sitzend, wo er genüsslich mit vor Zufriedenheit halb geschlossenen Augen eine Pflaume mampfte – er war schon immer eine Naschkatze gewesen.
„Wo ist der Geist?“, rief Yanshu von unten.
„Hab keinen gesehen.“
„Was hast du dann die ganze Nacht dort getrieben?“
Jingran wog die Frage ab.
„Fledermäuse gezählt.“
Yanshu hätte den Besenstiel fast entzwei gebrochen.
Der Gedanke daran entlockt ihm ein Lachen.
Im Grunde war er schon immer so gewesen.
Als Kind stöberte er gerne in verlassenen Häusern herum. Als Erwachsener wagte er sich gerne in die Reiche der Trugbilder vor. Je mehr andere einen Ort mieden, desto größer sein Verlangen, ihn mit eigenen Augen zu sehen. Shifu schimpfte ihn früher immer, weil er nicht still sitzen konnte. Yanshu genauso. Doch nachdem sein Shifu gestorben war, gab sie es auf, ihn zu bremsen. Und egal, wie weit er reiste – wenn er nach Hause kam, brannte im Hof stets eine Lampe für ihn.
Im Laufe der Jahre hatte er alte Städte gesehen, die mit unzähligen Bronzeglocken geschmückt waren. Er war durch Ruinen gestreift, die tief in den Bergen verborgen lagen. Er war Menschen und Geschichten begegnet, die von der Welt längst vergessen waren. Immer wenn er aus dem Reich der Trugbilder zurückkehrte, umringte ihn eine Horde neugieriger Kinder, die ihn löcherten, welch wundersame Abenteuer er diesmal erlebt hatte. Anfangs gab Jingran widerwillig ein paar Geschichten zum Besten. Doch schon bald waren es einfach zu viele, um alle zu erzählen. Also begann er, sie niederzuschreiben.
Und so nahm die „Chronik des Verborgenen“ nach und nach Gestalt an.
Zunächst schrieb er nur, um sich die Mühe zu ersparen, dieselben Geschichten ständig wiederholen zu müssen. Doch im Laufe der Zeit entwickelte er ein Faible dafür. Die alten Geschichten, begraben unter dem Wildwuchs und dem Staub der Vergessenheit. Die Freuden und Leiden, die ungehört blieben. Die wundersamen und seltsamen Eindrücke, die allein in den Tiefen der Reiche der Trugbilder zu finden waren … Jemand musste sie wieder ans Licht bringen. Jemand müsste ihnen ein Denkmal setzen.
Also begann er zu schreiben. Für die Kinder mit ihren fragenden Blicken. Für die Teehausbesucher, die ungeduldig auf die Fortsetzung warteten. Und für die Lampe, die zu Hause bis zum Morgen brannte. Für Yanshu, damit sie wusste, wohin dieser Bengel, der sich damals ständig in seiner eigenen Welt verlor, verschwunden war und welche seltsamen und wundersamen Abenteuer er auf seinem Weg erlebt hatte.
Bei diesem Gedanken dreht sich Jingran auf die Seite und betrachtet noch einmal die Manuskripte auf dem Schreibtisch.
Die Seiten leuchten schwach im Mondlicht.
Kapitel 149 ist unverändert leer.
Aber es ist ja nicht so, als wäre er zum ersten Mal mit der Abgabe im Verzug.
Plötzlich ertönt eine donnernde Stimme von jenseits der Hofmauer.
„Jing …!“
Jingran schreckt hoch.
„Warum brennt deine Lampe noch?! Machst du etwa schon wieder durch?!“
Ohne zu zögern springt er auf, durchquert den Raum in drei Schritten und löscht die Kerze.
Sofort herrscht Dunkelheit im Zimmer, nur das Mondlicht scheint noch sanft auf den Boden. Jingran sieht durch das Fenster zum Mond empor. Ein Schmunzeln huscht über seine Lippen.
Wenn die Worte heute Nacht nicht kommen wollen, dann ist das eben so. Morgen ist auch noch ein Tag.
Sein Pinsel verharrt über der Seite. Die Tinte an der Spitze formt einen Tropfen, bis sie mit einem leisen „Platsch“ aufs Papier fällt. Und selbst dann weigert sie sich hartnäckig, zu einem Wort zu werden.
Ein unordentlicher Stapel Manuskripte liegt verstreut über dem Schreibtisch. Da ist die Geschichte über die vergessene Stadt tief im Reich der Trugbilder; der Schwarm aus Bronzevögeln, der im Mondlicht seine Bahnen zieht; die uralte, unterm Wüstensand begrabene Glocke, die stets dann läutete, wenn Stürme über sie hinwegfegten … Die ersten Kapitel sind ihm recht locker von der Hand gegangen. Doch seit er diese Seite erreicht hat, scheinen sich seine Gedanken in etwas Unsichtbarem verheddert zu haben. Zäh wie Sirup kriechen sie voran. Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit auf das leere Blatt gestarrt hat, gelingt es Jingran immer noch nicht, dieser gedanklichen Leere auch nur ein halbes Wort abzuringen. Mit einem resignierten Seufzer gibt er schließlich auf.
„Dann eben nicht.“
Er wirft den Pinsel zurück auf die Halterung und lässt sich – die Gliedmaßen in alle Richtungen gestreckt – rücklings zu Boden fallen.
Eine kühle abendliche Brise schlüpft durch die nicht ganz geschlossenen Fenster. Ein silberner Streifen Mondlicht ergießt sich über den Boden. Draußen schwillt das Zirpen der Insekten in unregelmäßigen Wellen an und ab. Jingran stützt den Kopf auf sein Handgelenk und blickt ins Dachgebälk hinauf. Wenn die Worte einfach nicht kommen wollen, wandern seine Gedanken stets zu den Geschichten, die er seit jeher schreiben wollte, aber nie zu Papier gebracht hat.
Zum Beispiel jene ersten Jahre, nachdem er im Haus seines Shifu angekommen war.
Damals schleppte ihn sein Shifu ständig hinter sich her und schimpfte mit ihm, weil er so unbeherrscht war. Andere Kinder kletterten auf Bäume, um Vogelnester zu plündern, Jingran kletterte auf die Säulen der Ahnenhalle. Andere Kinder eilten nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause, Jingran zog mit einer Laterne los, um verlassene Häuser zu erkunden. Manchmal drehte sich Yanshu, die Frau seines Shifu, nach dem Aufhängen eines einzigen Wäschestücks um, nur um festzustellen, dass er schon wieder verschwunden war. Oft musste sie das halbe Dorf Xianling absuchen, bevor sie ihn schließlich aus einem alten Brunnen oder einer Tempelruine herauszerren konnte.
Eines Sommers machte im Dorf ein seltsames Gerücht über den alten Erdgott-Tempel am Hang die Runde, der seit Jahren verlassen war und in dem es angeblich spukte. Eine Gruppe Kinder versammelte sich unter einem Baum und erzählte die Schauergeschichte in aller Ausführlichkeit nach. Eine Frau in Rot solle nach Mitternacht aus dem Gemäuer hervortreten und bis zum Morgengrauen traurige Lieder singen. Die Geschichte wurde immer unheimlicher, je häufiger sie weitererzählt wurde. Am Ende saßen alle mit eingezogenen Köpfen und Gänsehaut da.
Alle außer Jingran.
Er hörte mit wachsendem Interesse zu. Noch in derselben Nacht machte er sich allein auf den Weg zum Tempel.
Am nächsten Morgen marschierte Yanshu mit einem Besen in der Hand durch das Dorf und suchte nach ihm. Schließlich fand sie ihn auf dem Tempeldach sitzend, wo er genüsslich mit vor Zufriedenheit halb geschlossenen Augen eine Pflaume mampfte – er war schon immer eine Naschkatze gewesen.
„Wo ist der Geist?“, rief Yanshu von unten.
„Hab keinen gesehen.“
„Was hast du dann die ganze Nacht dort getrieben?“
Jingran wog die Frage ab.
„Fledermäuse gezählt.“
Yanshu hätte den Besenstiel fast entzwei gebrochen.
Der Gedanke daran entlockt ihm ein Lachen.
Im Grunde war er schon immer so gewesen.
Als Kind stöberte er gerne in verlassenen Häusern herum. Als Erwachsener wagte er sich gerne in die Reiche der Trugbilder vor. Je mehr andere einen Ort mieden, desto größer sein Verlangen, ihn mit eigenen Augen zu sehen. Shifu schimpfte ihn früher immer, weil er nicht still sitzen konnte. Yanshu genauso. Doch nachdem sein Shifu gestorben war, gab sie es auf, ihn zu bremsen. Und egal, wie weit er reiste – wenn er nach Hause kam, brannte im Hof stets eine Lampe für ihn.
Im Laufe der Jahre hatte er alte Städte gesehen, die mit unzähligen Bronzeglocken geschmückt waren. Er war durch Ruinen gestreift, die tief in den Bergen verborgen lagen. Er war Menschen und Geschichten begegnet, die von der Welt längst vergessen waren. Immer wenn er aus dem Reich der Trugbilder zurückkehrte, umringte ihn eine Horde neugieriger Kinder, die ihn löcherten, welch wundersame Abenteuer er diesmal erlebt hatte. Anfangs gab Jingran widerwillig ein paar Geschichten zum Besten. Doch schon bald waren es einfach zu viele, um alle zu erzählen. Also begann er, sie niederzuschreiben.
Und so nahm die „Chronik des Verborgenen“ nach und nach Gestalt an.
Zunächst schrieb er nur, um sich die Mühe zu ersparen, dieselben Geschichten ständig wiederholen zu müssen. Doch im Laufe der Zeit entwickelte er ein Faible dafür. Die alten Geschichten, begraben unter dem Wildwuchs und dem Staub der Vergessenheit. Die Freuden und Leiden, die ungehört blieben. Die wundersamen und seltsamen Eindrücke, die allein in den Tiefen der Reiche der Trugbilder zu finden waren … Jemand musste sie wieder ans Licht bringen. Jemand müsste ihnen ein Denkmal setzen.
Also begann er zu schreiben. Für die Kinder mit ihren fragenden Blicken. Für die Teehausbesucher, die ungeduldig auf die Fortsetzung warteten. Und für die Lampe, die zu Hause bis zum Morgen brannte. Für Yanshu, damit sie wusste, wohin dieser Bengel, der sich damals ständig in seiner eigenen Welt verlor, verschwunden war und welche seltsamen und wundersamen Abenteuer er auf seinem Weg erlebt hatte.
Bei diesem Gedanken dreht sich Jingran auf die Seite und betrachtet noch einmal die Manuskripte auf dem Schreibtisch.
Die Seiten leuchten schwach im Mondlicht.
Kapitel 149 ist unverändert leer.
Aber es ist ja nicht so, als wäre er zum ersten Mal mit der Abgabe im Verzug.
Plötzlich ertönt eine donnernde Stimme von jenseits der Hofmauer.
„Jing …!“
Jingran schreckt hoch.
„Warum brennt deine Lampe noch?! Machst du etwa schon wieder durch?!“
Ohne zu zögern springt er auf, durchquert den Raum in drei Schritten und löscht die Kerze.
Sofort herrscht Dunkelheit im Zimmer, nur das Mondlicht scheint noch sanft auf den Boden. Jingran sieht durch das Fenster zum Mond empor. Ein Schmunzeln huscht über seine Lippen.
Wenn die Worte heute Nacht nicht kommen wollen, dann ist das eben so. Morgen ist auch noch ein Tag.
Kapitel II: Von Wind und Schnee getrieben
In Wahrheit war Jingran nicht immer der Mensch, der er heute ist.
Früher sprach er kaum. Wenn sein Meister ihn zum Essen rief, antwortete er zwar, griff aber immer als Letzter zu den Essstäbchen. Wenn Yanshu ihm Essen in die Schale füllte, nahm er es mit gesenktem Kopf entgegen, brachte während der Mahlzeit aber kein Dankeschön über die Lippen. Nachts schlief er zusammengerollt an der Wand, als hätte er Angst, dass dieser Ort verschwinden würde, sobald er die Augen wieder öffnete – genau wie jedes andere vorübergehende Zuhause zuvor.
Er wusste, dass diese Familie sich aufrichtig um ihn sorgte. Doch diese Zuwendung, die ihm sein Leben lang gefehlt hatte, war ihm fremd und damit gewöhnungsbedürftig.
In jenem Jahr fiel inMengzhou besonders viel Schnee.
Jingran stieß die Haustür auf und sah den alten Baum im Hof, der unter einer dicken Schneedecke ächzte. Nian hockte unter dem Dachvorsprung und rollte mit rosig-kaltem Näschen zum Spaß Schneebälle. Drinnen kochte Yanshu Reisbrei, dessen Duft zusammen mit dem Dampf durch die Ritzen im Fensterrahmen herüberwehte.
Lange stand Jingran in der Tür und nahm die Szenerie in sich auf. Eigentlich war nichts Besonderes daran. Und doch erinnerte ihn der Anblick an einen Tag wie diesen vor vielen Jahren. Sein Vater hatte ihm geholfen, sein Obergewand zu glätten. Seine Mutter hatte ihn an der Hand genommen. Zu dritt machten sie sich durch den Neuschnee auf den Weg zum Gipfel des Berges. Vor dem Tempel des Berggottes knatterten verblasste rote Tücher im Wind. Weihrauchschwaden kräuselten sich langsam aus dem Räuchergefäß empor. Das dargebotene Obst auf dem Altar war in der Kälte völlig gefroren. Er streckte die Hand aus, um es zu berühren, da gab ihm seine Mutter mit einem wohlwollenden Lächeln einen Klaps auf die Hand.
Plötzlich überkam ihn die Sehnsucht nach seinen Eltern.
Also nahm er, während niemand hinschaute, eine Laterne und schlich sich allein hinaus.
Doch was ihn nach all den Jahren in diesem Tempel erwartete, war kein gütiger Berggott des Volkes.
Während der Schneesturm die Bergpfade unpassierbar machte, schlugen die Tempeltüren hinter ihm zu. Ein Riss tat sich in der steinernen Statue hinter dem Altar auf. Der Duft von Weihrauch drang aus dem Inneren hervor. Auf dem Altar thronte ein Luchs, der mit goldener Farbe überzogen war. Er hatte etwas Göttliches an sich, doch kein Wort der Wahrheit kam über seine Lippen.
Das Kerzenlicht flackerte, während der Wind draußen heulte.
Bis Jingran das Wesen in seiner Lebenslaterne eingeschlossen hatte, war seine Kleidung bereits blutgetränkt. Er stützte sich auf die Laterne, rappelte sich auf und stieß die Tempeltüren auf. Draußen wütete immer noch der Schneesturm. Die Steinstufen, über die er zum Tempel hinaufgestiegen war, waren spurlos verschwunden und durch einen gewundenen Bergpfad abgelöst worden, der vollständig von dichtem Gestrüpp überwuchert war.
„Billiger Trick“, spottete Jingran. Er hob die Laterne ein wenig höher und stapfte durch den Schnee vorwärts, einen unsicheren Schritt nach dem anderen.
Als er zu Hause ankam, war die Nacht längst hereingebrochen. Eigentlich wollte er über die Mauer klettern, um unbemerkt wieder hineinzuschlüpfen, doch gerade als er landete, öffnete sich knarrend ein Fenster in der Nähe. Nian, Kissen fest umklammert, streckte den Kopf heraus.
„Großer Bruder, du blutest ja“, murmelte sie erschrocken.
Jingran spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte.
„Pst!“
„Weiß Mama Bescheid?“
„Nein, geh wieder ins Bett.“
Nian nickte nachdenklich und zog den Kopf zurück. Einen Augenblick später gellte ihre Stimme über den ganzen Hof.
„Mama! Jingran hat sich wieder wehgetan!“
Jingran machte kehrt und suchte sein Heil in der Flucht.
Weit kam er nicht. Yanshu erwartete ihn bereits auf der Veranda.
Jahre später, wenn Jingran sich an diese Nacht zurückerinnerte, kam er stets zu dem Schluss, dass er lieber zurückgehen und ein zweites Mal gegen die Bergkatze kämpfen würde.
Das Licht im Zimmer war schmerzhaft hell. Der bittere Geruch von Medizin vermischte sich mit dem von pulverisierten Kräutern. Nian saß neben ihm auf einem kleinen Hocker, knackte genüsslich Melonenkerne und verfolgte das Spektakel.
Mit schonungsloser Sorgfalt tupfte Yanshu Medizin auf seine Wunden, während sie ihm eine Standpauke hielt.
Jingran saß mit gesenktem Kopf da und stellte sich tot. Das Medizinpulver brannte so schlimm, dass seine Schläfenader pochte. Trotzdem wagte er es nicht, auch nur einen Mucks von sich zu geben.
„So.“
Yanshu legte den letzten Verband an und gab ihm einen Klaps auf die Stirn.
„Wehe dir, wenn du noch mal so davonläufst!“
Jingran hielt sich die Stirn. Ausnahmsweise fiel ihm keine freche Antwort ein.
Nian knackte unterdessen einen weiteren Melonenkern und flötete unschuldig: „Schön, dass du so frei zugibst, dass du Unrecht hattest.“
„Hab ich nicht.“
„Hast du doch.“
„Hab ich nicht.“
„Hast du doch.“
Ihre Stimme klang hell und klar, wie ein Windspiel unter dem Dachvorsprung. So ging es hin und her, bis der Schlagabtausch schier unerträglich wurde. Doch irgendwann begannen sich Jingrans Mundwinkel zu heben. Warmes Lampenlicht erfüllte das Zimmer. In diesem Licht sammelte Yanshu die Verbände und Medizinfläschchen ein. Nian stritt weiter mit ihm, ohne die geringste Absicht, nachzugeben. Keiner der beiden merkte, dass er mit den Gedanken längst woanders war.
Jingran senkte den Blick. Vor ihm stand eine Schale mit Medizin. Der bittere Geruch stieg ihm zusammen mit dem Dampf direkt in die Nase. Mit gefurchter Stirn hob er die Schale an und trank den größten Teil in einem Zug aus. Sein ganzes Gesicht verzog sich vor Widerwillen. Yanshu warf einen Blick über die Schulter. Ohne ein Wort zu sagen, schob sie den Teller mit kandierten Früchten über den Tisch zu ihm hin.
Das Feuer flackerte sanft. Die Schatten der drei Menschen streckten sich über den Boden, mal lang, mal kurz, überlagerten sich.
Draußen peitschte der Wind den Schnee gegen die Traufe. Die Eiszapfen, die vom Dach hingen, streiften sanft aneinander und erzeugten ein schwaches Geräusch, wie das Läuten einer fernen Glocke.
Jingran biss in ein Stück kandierte Frucht. Süße erfüllte seinen Mund.
Früher sprach er kaum. Wenn sein Meister ihn zum Essen rief, antwortete er zwar, griff aber immer als Letzter zu den Essstäbchen. Wenn Yanshu ihm Essen in die Schale füllte, nahm er es mit gesenktem Kopf entgegen, brachte während der Mahlzeit aber kein Dankeschön über die Lippen. Nachts schlief er zusammengerollt an der Wand, als hätte er Angst, dass dieser Ort verschwinden würde, sobald er die Augen wieder öffnete – genau wie jedes andere vorübergehende Zuhause zuvor.
Er wusste, dass diese Familie sich aufrichtig um ihn sorgte. Doch diese Zuwendung, die ihm sein Leben lang gefehlt hatte, war ihm fremd und damit gewöhnungsbedürftig.
In jenem Jahr fiel in
Jingran stieß die Haustür auf und sah den alten Baum im Hof, der unter einer dicken Schneedecke ächzte. Nian hockte unter dem Dachvorsprung und rollte mit rosig-kaltem Näschen zum Spaß Schneebälle. Drinnen kochte Yanshu Reisbrei, dessen Duft zusammen mit dem Dampf durch die Ritzen im Fensterrahmen herüberwehte.
Lange stand Jingran in der Tür und nahm die Szenerie in sich auf. Eigentlich war nichts Besonderes daran. Und doch erinnerte ihn der Anblick an einen Tag wie diesen vor vielen Jahren. Sein Vater hatte ihm geholfen, sein Obergewand zu glätten. Seine Mutter hatte ihn an der Hand genommen. Zu dritt machten sie sich durch den Neuschnee auf den Weg zum Gipfel des Berges. Vor dem Tempel des Berggottes knatterten verblasste rote Tücher im Wind. Weihrauchschwaden kräuselten sich langsam aus dem Räuchergefäß empor. Das dargebotene Obst auf dem Altar war in der Kälte völlig gefroren. Er streckte die Hand aus, um es zu berühren, da gab ihm seine Mutter mit einem wohlwollenden Lächeln einen Klaps auf die Hand.
Plötzlich überkam ihn die Sehnsucht nach seinen Eltern.
Also nahm er, während niemand hinschaute, eine Laterne und schlich sich allein hinaus.
Doch was ihn nach all den Jahren in diesem Tempel erwartete, war kein gütiger Berggott des Volkes.
Während der Schneesturm die Bergpfade unpassierbar machte, schlugen die Tempeltüren hinter ihm zu. Ein Riss tat sich in der steinernen Statue hinter dem Altar auf. Der Duft von Weihrauch drang aus dem Inneren hervor. Auf dem Altar thronte ein Luchs, der mit goldener Farbe überzogen war. Er hatte etwas Göttliches an sich, doch kein Wort der Wahrheit kam über seine Lippen.
Das Kerzenlicht flackerte, während der Wind draußen heulte.
Bis Jingran das Wesen in seiner Lebenslaterne eingeschlossen hatte, war seine Kleidung bereits blutgetränkt. Er stützte sich auf die Laterne, rappelte sich auf und stieß die Tempeltüren auf. Draußen wütete immer noch der Schneesturm. Die Steinstufen, über die er zum Tempel hinaufgestiegen war, waren spurlos verschwunden und durch einen gewundenen Bergpfad abgelöst worden, der vollständig von dichtem Gestrüpp überwuchert war.
„Billiger Trick“, spottete Jingran. Er hob die Laterne ein wenig höher und stapfte durch den Schnee vorwärts, einen unsicheren Schritt nach dem anderen.
Als er zu Hause ankam, war die Nacht längst hereingebrochen. Eigentlich wollte er über die Mauer klettern, um unbemerkt wieder hineinzuschlüpfen, doch gerade als er landete, öffnete sich knarrend ein Fenster in der Nähe. Nian, Kissen fest umklammert, streckte den Kopf heraus.
„Großer Bruder, du blutest ja“, murmelte sie erschrocken.
Jingran spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte.
„Pst!“
„Weiß Mama Bescheid?“
„Nein, geh wieder ins Bett.“
Nian nickte nachdenklich und zog den Kopf zurück. Einen Augenblick später gellte ihre Stimme über den ganzen Hof.
„Mama! Jingran hat sich wieder wehgetan!“
Jingran machte kehrt und suchte sein Heil in der Flucht.
Weit kam er nicht. Yanshu erwartete ihn bereits auf der Veranda.
Jahre später, wenn Jingran sich an diese Nacht zurückerinnerte, kam er stets zu dem Schluss, dass er lieber zurückgehen und ein zweites Mal gegen die Bergkatze kämpfen würde.
Das Licht im Zimmer war schmerzhaft hell. Der bittere Geruch von Medizin vermischte sich mit dem von pulverisierten Kräutern. Nian saß neben ihm auf einem kleinen Hocker, knackte genüsslich Melonenkerne und verfolgte das Spektakel.
Mit schonungsloser Sorgfalt tupfte Yanshu Medizin auf seine Wunden, während sie ihm eine Standpauke hielt.
Jingran saß mit gesenktem Kopf da und stellte sich tot. Das Medizinpulver brannte so schlimm, dass seine Schläfenader pochte. Trotzdem wagte er es nicht, auch nur einen Mucks von sich zu geben.
„So.“
Yanshu legte den letzten Verband an und gab ihm einen Klaps auf die Stirn.
„Wehe dir, wenn du noch mal so davonläufst!“
Jingran hielt sich die Stirn. Ausnahmsweise fiel ihm keine freche Antwort ein.
Nian knackte unterdessen einen weiteren Melonenkern und flötete unschuldig: „Schön, dass du so frei zugibst, dass du Unrecht hattest.“
„Hab ich nicht.“
„Hast du doch.“
„Hab ich nicht.“
„Hast du doch.“
Ihre Stimme klang hell und klar, wie ein Windspiel unter dem Dachvorsprung. So ging es hin und her, bis der Schlagabtausch schier unerträglich wurde. Doch irgendwann begannen sich Jingrans Mundwinkel zu heben. Warmes Lampenlicht erfüllte das Zimmer. In diesem Licht sammelte Yanshu die Verbände und Medizinfläschchen ein. Nian stritt weiter mit ihm, ohne die geringste Absicht, nachzugeben. Keiner der beiden merkte, dass er mit den Gedanken längst woanders war.
Jingran senkte den Blick. Vor ihm stand eine Schale mit Medizin. Der bittere Geruch stieg ihm zusammen mit dem Dampf direkt in die Nase. Mit gefurchter Stirn hob er die Schale an und trank den größten Teil in einem Zug aus. Sein ganzes Gesicht verzog sich vor Widerwillen. Yanshu warf einen Blick über die Schulter. Ohne ein Wort zu sagen, schob sie den Teller mit kandierten Früchten über den Tisch zu ihm hin.
Das Feuer flackerte sanft. Die Schatten der drei Menschen streckten sich über den Boden, mal lang, mal kurz, überlagerten sich.
Draußen peitschte der Wind den Schnee gegen die Traufe. Die Eiszapfen, die vom Dach hingen, streiften sanft aneinander und erzeugten ein schwaches Geräusch, wie das Läuten einer fernen Glocke.
Jingran biss in ein Stück kandierte Frucht. Süße erfüllte seinen Mund.
Kapitel III: Traum ohne Wiederkehr
Mit fünfzehn wurde Jingran offiziell zum Unterweltwandler.
Seitdem hat er unzählige Reiche der Trugbilder durchwandert. Manche schwebten über endlosen Seen, wo Pavillons reihenweise vom dichten Nebel emporgehoben wurden. Tagsüber standen sie still und verlassen da, doch mit Einbruch der Nacht erwachten die Laternen zum Leben. Öffnete man die Tür, fand man sich mitten in einem ausschweifenden Bankett wieder: Kein Stuhl blieb leer, und unter fröhlichem Gelächter flossen die Getränke in Strömen. Doch als die Morgendämmerung anbrach und sich der Nebel lichtete, waren nur noch verstaubte Tische und Stühle übrig. Die Gäste der vergangenen Nacht ruhten schon längst als bloße Gebeine auf dem Grund des Wassers.
Manche Reiche der Trugbilder lagen unter Gebirgszügen begraben – steinerne Städte, die verkehrt an den Decken tiefer hingen. Keine lebende Seele lebte dort und dennoch säumten Laternen jede Straße. Um Mitternacht entzündeten sie sich wie von Zauberhand. Eine smaragdgrüne Flamme nach der anderen loderte entlang der Alleen auf, bis sie schließlich den Altar im Herzen der Stadt erreichten. Jingran verbrachte drei Tage dort. Schließlich fand er den Ausgang mit nichts als seinen eigenen Augen.
Einmal fragte er seinen Meister: „Wonach genau suchen die Unterweltwandler eigentlich?“
Der alte Mann hockte am Feuer und röstete ein Mantou. Ohne Umschweife antwortete er: „Die Toten.“
Jingran verdrehte die Augen und dachte: „Jetzt geht das wieder los …“ Der Alte schien seine Gedanken zu lesen. Mit einem Schnauben sagte er: „Dann sag du mir mal: Was trifft man im Reich der Trugbilder am häufigsten an?“
„… Die Toten?“
„Die Dinge, die sie zurückgelassen haben“, korrigierte ihn der Alte.
„Ein Dorf, das heute voller Leben steckt, ist in ein, zwei Jahrhunderten vielleicht nicht mehr als eine Ansammlung verlassener Ruinen. Nichts wird mehr seine Existenz bezeugen außer einer verfallenen Stele oder einer Inschrift, deren Ursprung in Vergessenheit geraten ist.“
„Jemand muss die Erde umgraben und die Ruinen untersuchen, um sie zu verstehen. Damit wir wissen, wie jene vor uns von uns gegangen sind …“
„… und wie jene nach uns leben sollen?“
Der Alte warf ihm das fertige Mantou zu.
„Dass du das bloß nicht vergisst.“
In den folgenden Jahren brachte Jingran unzählige Geschichten ans Licht, die unter Staub und Zeit begraben lagen.
Die letzten Worte eines Generals aus einem untergegangenen Königreich, eingemeißelt in den Felsen. Eine zerfledderte Schriftrolle, stumme Zeugin des Untergangs einer ganzen Nation. Eine verwitterte Steinstele, die ihren Besitzer Tausende Meilen auf der Heimreise begleitet hatte.
Allmählich begann er zu verstehen, worauf sein Meister hinausgewollt hatte.
Der Tod löscht ein Leben so gewiss aus wie der Wind eine Kerze. Doch manche Dinge weigern sich, mit ihm zu vergehen. Sie verweilen in zertrümmerten Stelen und Textfragmenten. Sie verbergen sich in zerstörten Städten und vergessenen Straßen. Auf den Schwingen des Windes und in den Echos der Vergangenheit erzählen sie ihre Geschichten wieder und wieder jenen, die nach ihnen kommen. Und so wurde es Jingrans Berufung, diese verschütteten Vergangenheiten ans Licht zu bringen.
In jenen Jahren verbrachte Jingran mehr Zeit mit seinem Shifu als mit sonst jemandem. Sie waren einander Vater und Sohn, Meister und Schüler, Rivalen und Gefährten – alles zugleich.
Einmal kreuzten sie wegen einer uralten Jadenscheibe von unschätzbarem Wert die Klingen. Obwohl ihn sein Meister mit der flachen Seite des Schwertes an eine geborstene Stele nagelte, triumphierte Jingran am Ende doch allein durch sein Mundwerk. Der Alte schimpfte ihn ein verkommenes Balg, das nur hier sei, um eine offene Rechnung aus einem früheren Leben zu begleichen.
Sein Shifu betete keinen Stammvater an, opferte den Göttern keinen Weihrauch und folgte keiner anerkannten Schule. Er hatte sich seinen Weg ganz allein geschaffen. Andere nannten ihn einen Ketzer, doch gerade diese Eigenwilligkeit rettete ihn immer wieder aus Ausweglosigkeiten.
„Dem alten Meister zufolge müsste ich eigentlich schon tot sein“, grinste er. „Ich weigere mich schlicht, zu sterben. Wer hat also recht gehabt?“
Ungeachtet seiner vermeintlichen Sorglosigkeit wusste er stets, welche Wege man einschlagen und welche Gefahren man meiden sollte. Und manchmal, wenn er allein im Schein des Mondes dasaß, schweifte sein Blick weit in die Ferne, als zählte er diejenigen, die niemals zurückkehren würden.
Bei ihrem letzten Auftrag wählte der Alte den Ort selbst aus. Gerüchten zufolge handelte es sich um eine Höhle, in der die Ley-Linie durchtrennt worden war, was zu einem Anstieg von Sha Qi im Inneren geführt hatte. Jingran folgte ihm bis in die tiefsten Eingeweide der Höhle. Dann, kurz vor der letzten Engstelle, begann die Erde zu beben und die Höhle stürzte ein. Inmitten der herabfallenden Felsbrocken stieß sein Shifu ihn mit einer Handbewegung durch einen Spalt in Sicherheit, bevor er selbst in den einstürzenden Abgrund stürzte.
Ein Jahr später, in einer regnerischen Nacht, erschien der Alte Jingran im Traum. Er musterte Jingran von Kopf bis Fuß und spöttelte: „Hältst dich ja wacker. Bist noch nicht unter der Erde. Und alles noch dran.“
Bevor Jingran etwas erwidern konnte, hatte sich der Alte bereits abgewandt und hob eine Hand zum Abschied. Ohne ein weiteres Wort ließ er sich vom Nebel verschlucken.
Jingran schreckte aus dem Traum hoch.
Der Regen prasselte leise gegen das Dach, sammelte sich an der Traufe und fiel als dünner, unablässiger Strom herab. Im Zimmer herrschte Stille. Die Lampe auf dem Schreibtisch war längst erloschen und hinterließ nur noch einen dünnen Rauchfaden.
Der Traum war wie weggewaschen. Der Regen hielt die ganze Nacht an. Tropfen um Tropfen.
Seitdem hat er unzählige Reiche der Trugbilder durchwandert. Manche schwebten über endlosen Seen, wo Pavillons reihenweise vom dichten Nebel emporgehoben wurden. Tagsüber standen sie still und verlassen da, doch mit Einbruch der Nacht erwachten die Laternen zum Leben. Öffnete man die Tür, fand man sich mitten in einem ausschweifenden Bankett wieder: Kein Stuhl blieb leer, und unter fröhlichem Gelächter flossen die Getränke in Strömen. Doch als die Morgendämmerung anbrach und sich der Nebel lichtete, waren nur noch verstaubte Tische und Stühle übrig. Die Gäste der vergangenen Nacht ruhten schon längst als bloße Gebeine auf dem Grund des Wassers.
Manche Reiche der Trugbilder lagen unter Gebirgszügen begraben – steinerne Städte, die verkehrt an den Decken tiefer hingen. Keine lebende Seele lebte dort und dennoch säumten Laternen jede Straße. Um Mitternacht entzündeten sie sich wie von Zauberhand. Eine smaragdgrüne Flamme nach der anderen loderte entlang der Alleen auf, bis sie schließlich den Altar im Herzen der Stadt erreichten. Jingran verbrachte drei Tage dort. Schließlich fand er den Ausgang mit nichts als seinen eigenen Augen.
Einmal fragte er seinen Meister: „Wonach genau suchen die Unterweltwandler eigentlich?“
Der alte Mann hockte am Feuer und röstete ein Mantou. Ohne Umschweife antwortete er: „Die Toten.“
Jingran verdrehte die Augen und dachte: „Jetzt geht das wieder los …“ Der Alte schien seine Gedanken zu lesen. Mit einem Schnauben sagte er: „Dann sag du mir mal: Was trifft man im Reich der Trugbilder am häufigsten an?“
„… Die Toten?“
„Die Dinge, die sie zurückgelassen haben“, korrigierte ihn der Alte.
„Ein Dorf, das heute voller Leben steckt, ist in ein, zwei Jahrhunderten vielleicht nicht mehr als eine Ansammlung verlassener Ruinen. Nichts wird mehr seine Existenz bezeugen außer einer verfallenen Stele oder einer Inschrift, deren Ursprung in Vergessenheit geraten ist.“
„Jemand muss die Erde umgraben und die Ruinen untersuchen, um sie zu verstehen. Damit wir wissen, wie jene vor uns von uns gegangen sind …“
„… und wie jene nach uns leben sollen?“
Der Alte warf ihm das fertige Mantou zu.
„Dass du das bloß nicht vergisst.“
In den folgenden Jahren brachte Jingran unzählige Geschichten ans Licht, die unter Staub und Zeit begraben lagen.
Die letzten Worte eines Generals aus einem untergegangenen Königreich, eingemeißelt in den Felsen. Eine zerfledderte Schriftrolle, stumme Zeugin des Untergangs einer ganzen Nation. Eine verwitterte Steinstele, die ihren Besitzer Tausende Meilen auf der Heimreise begleitet hatte.
Allmählich begann er zu verstehen, worauf sein Meister hinausgewollt hatte.
Der Tod löscht ein Leben so gewiss aus wie der Wind eine Kerze. Doch manche Dinge weigern sich, mit ihm zu vergehen. Sie verweilen in zertrümmerten Stelen und Textfragmenten. Sie verbergen sich in zerstörten Städten und vergessenen Straßen. Auf den Schwingen des Windes und in den Echos der Vergangenheit erzählen sie ihre Geschichten wieder und wieder jenen, die nach ihnen kommen. Und so wurde es Jingrans Berufung, diese verschütteten Vergangenheiten ans Licht zu bringen.
In jenen Jahren verbrachte Jingran mehr Zeit mit seinem Shifu als mit sonst jemandem. Sie waren einander Vater und Sohn, Meister und Schüler, Rivalen und Gefährten – alles zugleich.
Einmal kreuzten sie wegen einer uralten Jadenscheibe von unschätzbarem Wert die Klingen. Obwohl ihn sein Meister mit der flachen Seite des Schwertes an eine geborstene Stele nagelte, triumphierte Jingran am Ende doch allein durch sein Mundwerk. Der Alte schimpfte ihn ein verkommenes Balg, das nur hier sei, um eine offene Rechnung aus einem früheren Leben zu begleichen.
Sein Shifu betete keinen Stammvater an, opferte den Göttern keinen Weihrauch und folgte keiner anerkannten Schule. Er hatte sich seinen Weg ganz allein geschaffen. Andere nannten ihn einen Ketzer, doch gerade diese Eigenwilligkeit rettete ihn immer wieder aus Ausweglosigkeiten.
„Dem alten Meister zufolge müsste ich eigentlich schon tot sein“, grinste er. „Ich weigere mich schlicht, zu sterben. Wer hat also recht gehabt?“
Ungeachtet seiner vermeintlichen Sorglosigkeit wusste er stets, welche Wege man einschlagen und welche Gefahren man meiden sollte. Und manchmal, wenn er allein im Schein des Mondes dasaß, schweifte sein Blick weit in die Ferne, als zählte er diejenigen, die niemals zurückkehren würden.
Bei ihrem letzten Auftrag wählte der Alte den Ort selbst aus. Gerüchten zufolge handelte es sich um eine Höhle, in der die Ley-Linie durchtrennt worden war, was zu einem Anstieg von Sha Qi im Inneren geführt hatte. Jingran folgte ihm bis in die tiefsten Eingeweide der Höhle. Dann, kurz vor der letzten Engstelle, begann die Erde zu beben und die Höhle stürzte ein. Inmitten der herabfallenden Felsbrocken stieß sein Shifu ihn mit einer Handbewegung durch einen Spalt in Sicherheit, bevor er selbst in den einstürzenden Abgrund stürzte.
Ein Jahr später, in einer regnerischen Nacht, erschien der Alte Jingran im Traum. Er musterte Jingran von Kopf bis Fuß und spöttelte: „Hältst dich ja wacker. Bist noch nicht unter der Erde. Und alles noch dran.“
Bevor Jingran etwas erwidern konnte, hatte sich der Alte bereits abgewandt und hob eine Hand zum Abschied. Ohne ein weiteres Wort ließ er sich vom Nebel verschlucken.
Jingran schreckte aus dem Traum hoch.
Der Regen prasselte leise gegen das Dach, sammelte sich an der Traufe und fiel als dünner, unablässiger Strom herab. Im Zimmer herrschte Stille. Die Lampe auf dem Schreibtisch war längst erloschen und hinterließ nur noch einen dünnen Rauchfaden.
Der Traum war wie weggewaschen. Der Regen hielt die ganze Nacht an. Tropfen um Tropfen.
Kapitel IV: Eine Flussreise im Mondschein
Auf dem Marktplatz herrscht nachmittags immer reges Treiben. Stände aller Art säumen die Straßen. Ein alter Bonbonhersteller rührt bedächtig in einem Topf mit Sirup, wobei die goldenen Fäden seiner Kelle feine, glänzende Bögen bilden. Aus der nahegelegenen Garküche quillt Dampf, der den intensiven Duft von Fleisch und Chili die Straße hinunterträgt. Auf einem freien Platz hat eine mechanische Bühne Schaulustige angelockt. Eine Truppe Autopuppen schlägt Saltos und tanzt im Rhythmus der Trommeln, was ihnen tosenden Applaus von den Zuschauern einbringt.
Jingran macht Halt bei einem Stoffladen, um einen Ballen mondweißen Stoffes für Yanshu zu erstehen. Dann kauft er Nian ein mechanisches Jadekaninchen, das von selbst herumhopsen kann. Beim Bezahlen bedachte der Händler ihn mit einem lobenden Lächeln für seinen guten Geschmack. Doch Jingran ist längst nicht so überzeugt – Geschenke für die Hausherrin und seine kleine Schwester auszusuchen, verlangt ihm deutlich mehr ab, als sich in ein Reich der Trugbilder zu wagen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er Nian eine Rasseltrommel mitgebracht. Auf beiden Seiten waren zwei pausbäckige Segenskinder gemalt. Wenn man sie drehte, wippten die Figuren mit dem Kopf, während sich eine winzige Schriftrolle mit der Aufschrift „Glück und Wohlstand“ entfaltete. Jingran hatte das Design für genial gehalten. Nian hingegen verschränkte die Arme, als er ihr die Funktionsweise erklärte, und seufzte schließlich mit altkluger Miene: „Großer Bruder, dafür bin ich wirklich zu alt.“
Die Rasseltrommel landete schließlich wieder in Jingrans Besitz. An jenem Abend spielte er bis tief in die Nacht damit herum und fragte sich insgeheim, was genau daran nicht stimmte.
Mit dieser Erinnerung im Hinterkopf kauft er das Jadekaninchen ohne längeres Zögern. „Das wird Nian bestimmt gefallen.“ Bevor er den Heimweg antritt, macht er noch einen letzten Halt in einer Konditorei, um ein Schneemöndchen zu kaufen. Schneeweiße, sorgfältig übereinandergeschichtete Biskuitschichten, die an einen Vollmond aus frisch gefallenem Schnee erinnern. Die Verkäuferin lächelt und fragt, ob es sich um ein Geschenk für die Familie handle. Jingran antwortet nicht. Er nimmt einfach das in Papier eingewickelte Päckchen und schlendert zum Fluss.
Heute ist der Tag, an dem QiuyuanMengzhou verlässt.
Der starke Wind am Kai fegt über den Fluss und lässt den goldenen Schimmer tanzen. Das Passagierschiff ist bereits im Begriff, abzulegen.
Jingran entdeckt ihn schon von Weitem: eine einsame Gestalt in Schwarz neben dem Schiff, deren Robe im schneidenden Wind flattert. Wie eh und je strahlt er jene unmissverständliche Kühle aus, die andere dazu veranlasst, ihn nicht zu behelligen. In Jingran stiegen Erinnerungen an Geschichten aus vergangenen Tagen auf.
Immer wenn sein Meister zu viel getrunken hatte, schwärmte er von einem gewissen jungen Schwertkämpfer – einem Ausnahmetalent, wie es nur alle paar Generationen geboren werde, so behauptete er zumindest. Diese Lobeshymnen hatten Jingrans Neugier über Jahre befeuert. Nun hat er den Mann endlich persönlich kennengelernt. Leider hatte sich noch keine Gelegenheit geboten, die Klingen mit ihm zu kreuzen.
Qiuyuan bemerkt ihn ebenfalls und deutet eine knappe Verbeugung an.
Jingran winkt und schlendert hinüber. Er bleibt neben der Brüstung stehen, wirft erst einen Blick auf den Fluss und fragt dann mit träger Stimme: „Hast du alles gepackt?“
Qiuyuan weiß, dass er den Mechanismus mit den beweglichen Lettern von Muyu meint. Er nickt. Doch ehe er antworten kann, hebt Jingran die Hand.
„Schon gut.“
„Ich schere mich keinen Deut um die alten Dramen und Zankereien vonMingting . Was ich wissen muss, weiß ich. Was ich nicht weiß, interessiert mich nicht. Also spar dir die Erklärung.“
Eine weitere Böe fegt über das Wasser und zerstreut die Spiegelungen in sich kräuselnde Einzelteile.
„Abgesehen davon“, fährt Jingran fort und wendet sich mit hochgezogener Augenbraue ihm zu, „habe ich dir geholfen, das zu bekommen, weswegen du gekommen bist. Das bist du mir schuldig.“
Qiuyuan neigt leicht den Kopf. Aus seinen tiefgrauen Augen ließ sich nach wie vor nichts herauslesen.
„Was willst du?“
„Weiß ich noch nicht.“
Jingran grinst.
„Wenn mir was einfällt, komme ich eintreiben.“
Kurzes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.
Schließlich nickt Qiuyuan.
„Einverstanden.“
Zufrieden drückt Jingran seinem Gegenüber das in Papier eingewickelte Päckchen in die Hände.
„Nimm. Ein Abschiedsgeschenk.“
Der Flusswind zupfte an ihren Ärmeln. In der Ferne beginnt der Fährmann, Passagiere an Bord zu rufen. Am Kai wird es zunehmend geschäftiger. Qiuyuan verstaut das Päckchen und wendet sich dem Schiff zu. Nach ein paar Schritten hält er inne.
„Jingran.“
„Hm?“
„Zünde für deinen Shifu ein Räucherstäbchen in meinem Namen an.“
Jingran erstarrt kurz, aber dann breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Klar.“
Die Fähre legt langsam ab. Das Wasser plätschert gegen den Rumpf und hinterlässt ringförmige Wellen, deren Ausläufer sich über den Fluss ausbreiten. Das Schiff gleitet gemächlich in den abendlichen Nebel hinein, bis es mit der Dämmerung verschmilzt. Jingran steht regungslos da und schaut zu, bis die Silhouette des Mannes und des Schiffes am goldenen Horizont verschwindet.
Der Wind streicht sanft über das Schilf am Flussufer.
Plötzlich kommen Erinnerungen an einen Abend vor vielen Jahren in ihm hoch. Sein Shifu hatte vor dem Hoftor gesessen, Erdnüsse geschält und dabei von jenem jungen Schwertkämpfer erzählt. Immer wenn die Geschichte an einer spannenden Stelle angelangt war, lachte der Alte und klopfte ihm auf die Schulter.
„Du bist selbst gar nicht so übel, Kleiner. Ein paar Jahre noch, dann nehme ich dich mit nach Chongzhou, damit du dich mit ihm persönlich messen kannst.“
Damals hatte Jingran keine Vorstellung davon, wie Chongzhou eigentlich aussah. Er war einfach den Worten seines Shifu gefolgt und zum Horizont jenseits von Mengzhou geblickt. Die Dämmerung hatte sich bereits von der anderen Seite über die Bergkämme ergossen. Am Himmel zogen Vögel vorüber, deren Flügelschläge sie in noch fernere Gefilde trugen.
Jingran senkt den Kopf und lacht leise auf. Dann dreht er sich um und macht sich auf den Heimweg.
Die Sonne ist bereits hinter den Bergen versunken. Nur ein schmales Band geschmolzenen Goldes säumt den Horizont.
Nacheinander flammen Laternen die Straße hinab auf. Ihr Schein taucht den endlosen Weg aus Kalkstein in warmes Leuchten.
Von den Lichtern geleitet, schlägt Jingran den Weg nach Hause ein.
Jingran macht Halt bei einem Stoffladen, um einen Ballen mondweißen Stoffes für Yanshu zu erstehen. Dann kauft er Nian ein mechanisches Jadekaninchen, das von selbst herumhopsen kann. Beim Bezahlen bedachte der Händler ihn mit einem lobenden Lächeln für seinen guten Geschmack. Doch Jingran ist längst nicht so überzeugt – Geschenke für die Hausherrin und seine kleine Schwester auszusuchen, verlangt ihm deutlich mehr ab, als sich in ein Reich der Trugbilder zu wagen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er Nian eine Rasseltrommel mitgebracht. Auf beiden Seiten waren zwei pausbäckige Segenskinder gemalt. Wenn man sie drehte, wippten die Figuren mit dem Kopf, während sich eine winzige Schriftrolle mit der Aufschrift „Glück und Wohlstand“ entfaltete. Jingran hatte das Design für genial gehalten. Nian hingegen verschränkte die Arme, als er ihr die Funktionsweise erklärte, und seufzte schließlich mit altkluger Miene: „Großer Bruder, dafür bin ich wirklich zu alt.“
Die Rasseltrommel landete schließlich wieder in Jingrans Besitz. An jenem Abend spielte er bis tief in die Nacht damit herum und fragte sich insgeheim, was genau daran nicht stimmte.
Mit dieser Erinnerung im Hinterkopf kauft er das Jadekaninchen ohne längeres Zögern. „Das wird Nian bestimmt gefallen.“ Bevor er den Heimweg antritt, macht er noch einen letzten Halt in einer Konditorei, um ein Schneemöndchen zu kaufen. Schneeweiße, sorgfältig übereinandergeschichtete Biskuitschichten, die an einen Vollmond aus frisch gefallenem Schnee erinnern. Die Verkäuferin lächelt und fragt, ob es sich um ein Geschenk für die Familie handle. Jingran antwortet nicht. Er nimmt einfach das in Papier eingewickelte Päckchen und schlendert zum Fluss.
Heute ist der Tag, an dem Qiuyuan
Der starke Wind am Kai fegt über den Fluss und lässt den goldenen Schimmer tanzen. Das Passagierschiff ist bereits im Begriff, abzulegen.
Jingran entdeckt ihn schon von Weitem: eine einsame Gestalt in Schwarz neben dem Schiff, deren Robe im schneidenden Wind flattert. Wie eh und je strahlt er jene unmissverständliche Kühle aus, die andere dazu veranlasst, ihn nicht zu behelligen. In Jingran stiegen Erinnerungen an Geschichten aus vergangenen Tagen auf.
Immer wenn sein Meister zu viel getrunken hatte, schwärmte er von einem gewissen jungen Schwertkämpfer – einem Ausnahmetalent, wie es nur alle paar Generationen geboren werde, so behauptete er zumindest. Diese Lobeshymnen hatten Jingrans Neugier über Jahre befeuert. Nun hat er den Mann endlich persönlich kennengelernt. Leider hatte sich noch keine Gelegenheit geboten, die Klingen mit ihm zu kreuzen.
Qiuyuan bemerkt ihn ebenfalls und deutet eine knappe Verbeugung an.
Jingran winkt und schlendert hinüber. Er bleibt neben der Brüstung stehen, wirft erst einen Blick auf den Fluss und fragt dann mit träger Stimme: „Hast du alles gepackt?“
Qiuyuan weiß, dass er den Mechanismus mit den beweglichen Lettern von Muyu meint. Er nickt. Doch ehe er antworten kann, hebt Jingran die Hand.
„Schon gut.“
„Ich schere mich keinen Deut um die alten Dramen und Zankereien von
Eine weitere Böe fegt über das Wasser und zerstreut die Spiegelungen in sich kräuselnde Einzelteile.
„Abgesehen davon“, fährt Jingran fort und wendet sich mit hochgezogener Augenbraue ihm zu, „habe ich dir geholfen, das zu bekommen, weswegen du gekommen bist. Das bist du mir schuldig.“
Qiuyuan neigt leicht den Kopf. Aus seinen tiefgrauen Augen ließ sich nach wie vor nichts herauslesen.
„Was willst du?“
„Weiß ich noch nicht.“
Jingran grinst.
„Wenn mir was einfällt, komme ich eintreiben.“
Kurzes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.
Schließlich nickt Qiuyuan.
„Einverstanden.“
Zufrieden drückt Jingran seinem Gegenüber das in Papier eingewickelte Päckchen in die Hände.
„Nimm. Ein Abschiedsgeschenk.“
Der Flusswind zupfte an ihren Ärmeln. In der Ferne beginnt der Fährmann, Passagiere an Bord zu rufen. Am Kai wird es zunehmend geschäftiger. Qiuyuan verstaut das Päckchen und wendet sich dem Schiff zu. Nach ein paar Schritten hält er inne.
„Jingran.“
„Hm?“
„Zünde für deinen Shifu ein Räucherstäbchen in meinem Namen an.“
Jingran erstarrt kurz, aber dann breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Klar.“
Die Fähre legt langsam ab. Das Wasser plätschert gegen den Rumpf und hinterlässt ringförmige Wellen, deren Ausläufer sich über den Fluss ausbreiten. Das Schiff gleitet gemächlich in den abendlichen Nebel hinein, bis es mit der Dämmerung verschmilzt. Jingran steht regungslos da und schaut zu, bis die Silhouette des Mannes und des Schiffes am goldenen Horizont verschwindet.
Der Wind streicht sanft über das Schilf am Flussufer.
Plötzlich kommen Erinnerungen an einen Abend vor vielen Jahren in ihm hoch. Sein Shifu hatte vor dem Hoftor gesessen, Erdnüsse geschält und dabei von jenem jungen Schwertkämpfer erzählt. Immer wenn die Geschichte an einer spannenden Stelle angelangt war, lachte der Alte und klopfte ihm auf die Schulter.
„Du bist selbst gar nicht so übel, Kleiner. Ein paar Jahre noch, dann nehme ich dich mit nach Chongzhou, damit du dich mit ihm persönlich messen kannst.“
Damals hatte Jingran keine Vorstellung davon, wie Chongzhou eigentlich aussah. Er war einfach den Worten seines Shifu gefolgt und zum Horizont jenseits von Mengzhou geblickt. Die Dämmerung hatte sich bereits von der anderen Seite über die Bergkämme ergossen. Am Himmel zogen Vögel vorüber, deren Flügelschläge sie in noch fernere Gefilde trugen.
Jingran senkt den Kopf und lacht leise auf. Dann dreht er sich um und macht sich auf den Heimweg.
Die Sonne ist bereits hinter den Bergen versunken. Nur ein schmales Band geschmolzenen Goldes säumt den Horizont.
Nacheinander flammen Laternen die Straße hinab auf. Ihr Schein taucht den endlosen Weg aus Kalkstein in warmes Leuchten.
Von den Lichtern geleitet, schlägt Jingran den Weg nach Hause ein.
Undokumentierte Geschichten
Mittags ist im Teehaus immer viel los.
Mehr als ein Dutzend Tische nehmen den Hauptsaal ein. Kellner schlängeln sich mit Messingkannen bewehrt durch die Menge, während sich der Duft von Tee mit dem Aroma von Wein und dem Stimmengewirr der Gäste vermischt. An einem Fenster im Obergeschoss sitzt ein junger Mann, das Kinn auf eine Hand gestützt, während er sich mit der anderen gemächlich Erdnüsse in den Mund schiebt. Unten ist der Geschichtenerzähler an der spannendsten Stelle der Erzählung angelangt. Seine Stimme übertönt das Stimmgewirr im Saal und dringt stetig nach oben.
„Just in diesem Augenblick brach das uralte ebenhölzerne Schiff aus dem Nebel hervor. Dreihundert Laternen strahlten vom Bug herab, deren Licht ein seit tausend Jahren unberührtes, vergessenes Meer erhellte. Schatten standen dicht gedrängt auf dem Deck. Ein jedes Gesicht leichenblass, als gehöre keiner dieser Gestalten mehr dem Reich der Lebenden an. Und als sich schließlich jemand an Bord wagte, um der Sache auf den Grund zu gehen …“
Der Geschichtenerzähler schlägt seine hölzerne Klapper zusammen. Im Saal ist es mucksmäuschenstill. Alle halten den Atem an und warten gespannt darauf, wie es weitergeht.
Der Geschichtenerzähler genehmigt sich gelassen einen Schluck Tee.
„Was danach geschah …, das wird im nächsten Kapitel enthüllt.“
Totenstille legt sich über das Teehaus, ehe der Tumult losbricht.
Der Geschichtenerzähler seufzt hilflos.
„Meine Lieben, ich würde ja weitererzählen, aber hier endet die ‚Chronik des Verborgenen‘ nun einmal …“
Das ließ das Gemecker nur noch lauter werden.
„Immer hörst du an der spannendsten Stelle auf!“
„Ist dieses Kapitel nicht schon einen halben Monat überfällig?“
„Einen halben Monat?“, höhnte jemand und drosch die Faust auf den Tisch. „Die ‚Katze der Unterweltlaterne‘ ist mal ganze drei Monate lang verschwunden!“
Jingran verschluckt sich fast an einer Erdnuss. Schweigend wendet er den Kopf zum Fenster und tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Doch genau in diesem Moment zieht jemand den Stuhl ihm gegenüber nach hinten.
„Hier also hat sich der Übeltäter versteckt.“
Ein Mann in einer türkisfarbenen Robe sitzt ihm gegenüber und hält einen dicken Stapel Manuskripte in den Armen.
Es war Shouci, der Lektor, der für das Korrekturlesen und die Veröffentlichung der „Chronik des Verborgenen“ verantwortlich war. Jingran blickt auf und grinst breit.
„Du kommst gerade recht.“ Er winkt ihn näher heran. „Das Essen geht auf mich.“
„Wenn du plötzlich großzügig wirst, steckt immer etwas dahinter.“ Shouci lässt die Manuskripte mit einem dumpfen „Wumms“ auf den Tisch fallen. „Wie weit bist du mit Band zwei?“
Augenblicklich erlischt Jingrans Lächeln. Wie ein Sack Mehl sackt er auf den Tisch und vergräbt das Gesicht in seinen verschränkten Armen. „Keine Inspiration …“
„Erspar mir die Ausreden.“
„Ich meine es ernst.“ Jingran stößt einen schweren Seufzer aus. „Reiche der Trugbilder, alte Ruinen, vergessene Relikte … Ich schreibe Tag für Tag über dieselben Dinge. Selbst ich habe es langsam satt, das zu lesen.“
Shouci hebt eine Augenbraue.
„Na und?“
„Darum denke ich darüber nach, den Protagonisten zu wechseln.“
Diesmal ist es Shouci, der überrascht ist.
Jingran beginnt, an seinen Fingern abzuzählen. „Der erste Band ist ohnehin fast fertig. Ich kann also genauso gut etwas Abwechslung hineinbringen. Ich kann nicht immer derjenige sein, der mit einer Laterne herumläuft und in Schwierigkeiten gerät.“
„Und was für eine Art Protagonist hast du dir vorgestellt?“
Jingran denkt kurz nach. „Jemand, den man nicht so leicht durchschauen kann.“
Er stützt das Kinn auf eine Hand und schaut aus dem Fenster.
„Jemand Standhaftes, Verlässliches. Jemand, der weiß, welcher Weg der richtige ist, während alle anderen noch das Für und Wider abwägen. Jemand, der dir die Wahl überlässt, während alle anderen längst über dich hinweg entscheiden.“
Je länger Shouci zuhört, desto abwegiger erscheint ihm die Idee. „Was für ein Mensch soll das sein? Du beschreibst da eine Gottheit in einem Schrein.“
Jingran setzt schon zum Widerspruch an, da schweift sein Blick nach draußen.
Die Straße ist in der Mittagssonne voller Leben. Fußgänger schieben sich unaufhörlich durch die Straße, während Sonnenlicht über die Dächer strömt und die Straße darunter in goldenes Licht taucht.
Inmitten der Menschenmassen nähert sich vom anderen Ende der Straße eine vertraute Gestalt. Jingran blinzelt. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht.
„{PlayerName}!“
Völlig ungeniert erhebt er die Stimme. Laut und deutlich hallt der Ruf über die Straße. Die Gestalt bleibt stehen und sieht her.
Ein Sonnenstrahl verfängt sich in diesen goldenen Augen, die plötzlich so intensiv funkeln, dass es schwerfällt, den Blick abzuwenden.
Jingran winkt durchs Fenster. Dann dreht er sich mit einem triumphierenden Grinsen zu Shouci um.
„{Male=Der da!;Female=Die da!}“
Shouci ist sprachlos.
Leider hat Jingran mit seinem Zuruf auch die Aufmerksamkeit aller anderen im Teehaus auf sich gezogen. Die Gäste folgen dem Geräusch in Richtung Obergeschoss. Manche kneifen die Augen zusammen, um bessere Sicht zu haben. Dann haut plötzlich jemand auf den Tisch und brüllt:
„Moment mal!“
„Ist das nicht die Katze der Unterweltlaterne?!“
Einen Augenblick lang herrscht Totenstille. Dann richten sich Dutzende Augen gleichzeitig nach oben. Jingran nimmt zögerlich die Hand mit den Erdnüssen herunter.
„…“
„Meister?!“
„Er ist es wirklich!“
„Haben wir dich endlich erwischt!“
„Was war im ebenhölzernen Schiff?!“
„Wann kommt endlich Band zwei raus?!“
Im Saal bricht Chaos aus. Stuhlbeine scharren über den Boden, als die Gäste aufspringen. Sogar der Geschichtenerzähler reckt den Hals, um nach oben zu spähen.
Als Jingran merkt, dass sich die Menge von allen Seiten auf ihn stürzen will, schlägt er die Augen nieder, als wolle er sagen: „Ich wusste, dass das passieren würde.“
„Shouci“, sagt er, rafft die Manuskripte auf dem Tisch zusammen und verabschiedet sich salopp: „Man sieht sich.“
Dann, inmitten eines Chors erschrockener Rufe, steigt er auf die Fensterbank und springt. Vom Obergeschoss aus blickt man aus beträchtlicher Höhe auf die Straße hinunter. Für die Gäste in der Nähe wirkt es, als wäre er von einem Moment auf den anderen verschwunden. Er schwingt sich grazil wie ein Vogel über das Geländer, wobei seine Robe in der Luft flattert. Im nächsten Augenblick steht er bereits leichten Fußes auf der Straße.
„Er ist entkommen!“, ruft jemand.
Das Chaos im Teehaus nimmt zu. Schritte und Schreie donnern durch den Saal, während Jingran sich den Staub von den Ärmeln klopft, als wäre nichts geschehen. Mit wenigen entschlossenen Schritten bahnt er sich einen Weg durch die Menge und bleibt vor Rover stehen.
Er wirft erst einen Blick auf die Meute seiner Verfolger, die sich ihm nähert, dann auf die Person vor ihm, zieht eine Augenbraue hoch und lächelt.
„Du kommst gerade recht.“
„Komm mit. Eine Minute später und die hätten mich entführt und gezwungen, das nächste Kapitel zu Ende zu schreiben.“ Er deutet mit dem Daumen auf den Mob hinter sich.
„Lass uns hier verschwinden. Ich lade dich ein.“
Mehr als ein Dutzend Tische nehmen den Hauptsaal ein. Kellner schlängeln sich mit Messingkannen bewehrt durch die Menge, während sich der Duft von Tee mit dem Aroma von Wein und dem Stimmengewirr der Gäste vermischt. An einem Fenster im Obergeschoss sitzt ein junger Mann, das Kinn auf eine Hand gestützt, während er sich mit der anderen gemächlich Erdnüsse in den Mund schiebt. Unten ist der Geschichtenerzähler an der spannendsten Stelle der Erzählung angelangt. Seine Stimme übertönt das Stimmgewirr im Saal und dringt stetig nach oben.
„Just in diesem Augenblick brach das uralte ebenhölzerne Schiff aus dem Nebel hervor. Dreihundert Laternen strahlten vom Bug herab, deren Licht ein seit tausend Jahren unberührtes, vergessenes Meer erhellte. Schatten standen dicht gedrängt auf dem Deck. Ein jedes Gesicht leichenblass, als gehöre keiner dieser Gestalten mehr dem Reich der Lebenden an. Und als sich schließlich jemand an Bord wagte, um der Sache auf den Grund zu gehen …“
Der Geschichtenerzähler schlägt seine hölzerne Klapper zusammen. Im Saal ist es mucksmäuschenstill. Alle halten den Atem an und warten gespannt darauf, wie es weitergeht.
Der Geschichtenerzähler genehmigt sich gelassen einen Schluck Tee.
„Was danach geschah …, das wird im nächsten Kapitel enthüllt.“
Totenstille legt sich über das Teehaus, ehe der Tumult losbricht.
Der Geschichtenerzähler seufzt hilflos.
„Meine Lieben, ich würde ja weitererzählen, aber hier endet die ‚Chronik des Verborgenen‘ nun einmal …“
Das ließ das Gemecker nur noch lauter werden.
„Immer hörst du an der spannendsten Stelle auf!“
„Ist dieses Kapitel nicht schon einen halben Monat überfällig?“
„Einen halben Monat?“, höhnte jemand und drosch die Faust auf den Tisch. „Die ‚Katze der Unterweltlaterne‘ ist mal ganze drei Monate lang verschwunden!“
Jingran verschluckt sich fast an einer Erdnuss. Schweigend wendet er den Kopf zum Fenster und tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Doch genau in diesem Moment zieht jemand den Stuhl ihm gegenüber nach hinten.
„Hier also hat sich der Übeltäter versteckt.“
Ein Mann in einer türkisfarbenen Robe sitzt ihm gegenüber und hält einen dicken Stapel Manuskripte in den Armen.
Es war Shouci, der Lektor, der für das Korrekturlesen und die Veröffentlichung der „Chronik des Verborgenen“ verantwortlich war. Jingran blickt auf und grinst breit.
„Du kommst gerade recht.“ Er winkt ihn näher heran. „Das Essen geht auf mich.“
„Wenn du plötzlich großzügig wirst, steckt immer etwas dahinter.“ Shouci lässt die Manuskripte mit einem dumpfen „Wumms“ auf den Tisch fallen. „Wie weit bist du mit Band zwei?“
Augenblicklich erlischt Jingrans Lächeln. Wie ein Sack Mehl sackt er auf den Tisch und vergräbt das Gesicht in seinen verschränkten Armen. „Keine Inspiration …“
„Erspar mir die Ausreden.“
„Ich meine es ernst.“ Jingran stößt einen schweren Seufzer aus. „Reiche der Trugbilder, alte Ruinen, vergessene Relikte … Ich schreibe Tag für Tag über dieselben Dinge. Selbst ich habe es langsam satt, das zu lesen.“
Shouci hebt eine Augenbraue.
„Na und?“
„Darum denke ich darüber nach, den Protagonisten zu wechseln.“
Diesmal ist es Shouci, der überrascht ist.
Jingran beginnt, an seinen Fingern abzuzählen. „Der erste Band ist ohnehin fast fertig. Ich kann also genauso gut etwas Abwechslung hineinbringen. Ich kann nicht immer derjenige sein, der mit einer Laterne herumläuft und in Schwierigkeiten gerät.“
„Und was für eine Art Protagonist hast du dir vorgestellt?“
Jingran denkt kurz nach. „Jemand, den man nicht so leicht durchschauen kann.“
Er stützt das Kinn auf eine Hand und schaut aus dem Fenster.
„Jemand Standhaftes, Verlässliches. Jemand, der weiß, welcher Weg der richtige ist, während alle anderen noch das Für und Wider abwägen. Jemand, der dir die Wahl überlässt, während alle anderen längst über dich hinweg entscheiden.“
Je länger Shouci zuhört, desto abwegiger erscheint ihm die Idee. „Was für ein Mensch soll das sein? Du beschreibst da eine Gottheit in einem Schrein.“
Jingran setzt schon zum Widerspruch an, da schweift sein Blick nach draußen.
Die Straße ist in der Mittagssonne voller Leben. Fußgänger schieben sich unaufhörlich durch die Straße, während Sonnenlicht über die Dächer strömt und die Straße darunter in goldenes Licht taucht.
Inmitten der Menschenmassen nähert sich vom anderen Ende der Straße eine vertraute Gestalt. Jingran blinzelt. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht.
„{PlayerName}!“
Völlig ungeniert erhebt er die Stimme. Laut und deutlich hallt der Ruf über die Straße. Die Gestalt bleibt stehen und sieht her.
Ein Sonnenstrahl verfängt sich in diesen goldenen Augen, die plötzlich so intensiv funkeln, dass es schwerfällt, den Blick abzuwenden.
Jingran winkt durchs Fenster. Dann dreht er sich mit einem triumphierenden Grinsen zu Shouci um.
„{Male=Der da!;Female=Die da!}“
Shouci ist sprachlos.
Leider hat Jingran mit seinem Zuruf auch die Aufmerksamkeit aller anderen im Teehaus auf sich gezogen. Die Gäste folgen dem Geräusch in Richtung Obergeschoss. Manche kneifen die Augen zusammen, um bessere Sicht zu haben. Dann haut plötzlich jemand auf den Tisch und brüllt:
„Moment mal!“
„Ist das nicht die Katze der Unterweltlaterne?!“
Einen Augenblick lang herrscht Totenstille. Dann richten sich Dutzende Augen gleichzeitig nach oben. Jingran nimmt zögerlich die Hand mit den Erdnüssen herunter.
„…“
„Meister?!“
„Er ist es wirklich!“
„Haben wir dich endlich erwischt!“
„Was war im ebenhölzernen Schiff?!“
„Wann kommt endlich Band zwei raus?!“
Im Saal bricht Chaos aus. Stuhlbeine scharren über den Boden, als die Gäste aufspringen. Sogar der Geschichtenerzähler reckt den Hals, um nach oben zu spähen.
Als Jingran merkt, dass sich die Menge von allen Seiten auf ihn stürzen will, schlägt er die Augen nieder, als wolle er sagen: „Ich wusste, dass das passieren würde.“
„Shouci“, sagt er, rafft die Manuskripte auf dem Tisch zusammen und verabschiedet sich salopp: „Man sieht sich.“
Dann, inmitten eines Chors erschrockener Rufe, steigt er auf die Fensterbank und springt. Vom Obergeschoss aus blickt man aus beträchtlicher Höhe auf die Straße hinunter. Für die Gäste in der Nähe wirkt es, als wäre er von einem Moment auf den anderen verschwunden. Er schwingt sich grazil wie ein Vogel über das Geländer, wobei seine Robe in der Luft flattert. Im nächsten Augenblick steht er bereits leichten Fußes auf der Straße.
„Er ist entkommen!“, ruft jemand.
Das Chaos im Teehaus nimmt zu. Schritte und Schreie donnern durch den Saal, während Jingran sich den Staub von den Ärmeln klopft, als wäre nichts geschehen. Mit wenigen entschlossenen Schritten bahnt er sich einen Weg durch die Menge und bleibt vor Rover stehen.
Er wirft erst einen Blick auf die Meute seiner Verfolger, die sich ihm nähert, dann auf die Person vor ihm, zieht eine Augenbraue hoch und lächelt.
„Du kommst gerade recht.“
„Komm mit. Eine Minute später und die hätten mich entführt und gezwungen, das nächste Kapitel zu Ende zu schreiben.“ Er deutet mit dem Daumen auf den Mob hinter sich.
„Lass uns hier verschwinden. Ich lade dich ein.“
Jingran Sprachaufnahmen
Gedanken: I
Ich erzähle dir mal was Lustiges. Neulich, als ich im Huizhen-Platz war, hab ich einen Typen gesehen, der mit einem Exemplar der „Chronik des Verborgenen“ herumfuchtelte und den Leuten erzählte, er habe den Verdacht, dass die „Katze der Unterweltlaterne“ das alles wirklich getan hat. Ich hab ihm gesagt, das sei alles erfunden. Reine Fiktion. Und weißt du was? Er hat mir kein Wort geglaubt. Wo er stand, schlug er das Buch auf und fing an, mit mir zu streiten! Er bestand darauf, dass die Details zu authentisch seien, als dass sie sich jemand ausgedacht haben könnte. Dann fing er an, mir die Geschichten nachzuerzählen. Figuren, Szenen, jede einzelne Wendung … und ehe ich mich versah, hatte er mich komplett in seinen Bann gezogen. Warum lachst du? Ich hätte die Geschichten selbst nicht besser schreiben können. Wenn du Lust hast – wie wäre es, wenn ich die Szene für dich nachspiele?
Gedanken: II
Warum ich schreibe? Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass das hier tatsächlich jemand lesen würde. Damals war ich ständig im Reich der Trugbilder unterwegs. Jedes Mal, wenn ich zurückkam, wurde ich in der Gasse von einem Haufen Kinder erwartet, die meine Geschichten hören wollten. Oft musste ich mir spontan welche ausdenken – ein uralter Brunnen, aus dem von selbst Wasser sprudelt, Papierpuppen, die um Mitternacht umherwandern, so was in der Art … Mit der Zeit kamen immer mehr, bis es mir irgendwann zu viel wurde. Also dachte ich mir, ich könnte die Geschichten doch einfach aufschreiben. Dann können die Kinder sie lesen, wann immer sie wollen. Ist doch besser, als wenn ich auf dem Heimweg ständig von einer Meute Kinder belagert werde, oder?
Gedanken: III
Wie sich herausstellt, ist mein „treuestes“ Publikum dieses arme kleine Kätzchen neben mir – ist mir egal, ob es sie überhaupt hören will. Da es von meinem Leben zehrt, kann es mir doch wenigstens Gesellschaft leisten, oder? Ich weiß schon, dass es mir Jahre meines Lebens raubt. Aber das stört mich nicht. Der ewige Kreislauf aus Sonnenauf- und -untergang hat mich nie interessiert. Ich will ein Leben, das so hell ist, dass es einen fast verbrennt. Es soll strahlen wie die Sonne oder sich wie Asche im Wind verstreuen. Wer will schon ewig leben, wenn man dafür gar nicht richtig lebt? So ein Leben ist es nicht wert, gelebt zu werden.
Gedanken: IV
Ich bin schon lange allein. So ist das nun mal, wenn man so einer Tätigkeit nachgeht. Man tritt allein ins Reich der Trugbilder ein, ohne zurückzublicken und ohne auf irgendjemanden zu warten. Man befreit sich von allen Fesseln, um frei zu sein. Als ich das Zhuojun-Atelier infiltrierte, trieb mich nur ein einziger Gedanke an: Blutschulden werden mit Blut beglichen. Alles andere war bedeutungslos.
Ich dachte immer, allein zu sein, wäre genau mein Ding. Keine Verpflichtungen, keine Sorgen. Aber seit ich an deiner Seite gekämpft habe … geht mir manchmal ein unerwarteter Gedanke durch den Kopf: Wenn ich jemals wieder ins Reich der Trugbilder zurückkehren muss – mit dir an meiner Seite … würde sich meine Arbeit vielleicht weniger wie eine Last anfühlen.
Ich dachte immer, allein zu sein, wäre genau mein Ding. Keine Verpflichtungen, keine Sorgen. Aber seit ich an deiner Seite gekämpft habe … geht mir manchmal ein unerwarteter Gedanke durch den Kopf: Wenn ich jemals wieder ins Reich der Trugbilder zurückkehren muss – mit dir an meiner Seite … würde sich meine Arbeit vielleicht weniger wie eine Last anfühlen.
Gedanken: V
Ich habe schon viele verschiedene Menschen gesehen und die Entscheidungen, die sie treffen. Es gibt jene, die ihr Leben damit verbringen, nach dem Licht zu streben – und andere wie mich, die sich tief ins Dunkel vorwagen. Du wandelst im Licht. Du bist hier, um andere zu retten. Aber ich nicht. Mein Weg führt nach unten. Trotzdem hat mir diese Begegnung Dinge gezeigt, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mir fehlten. Man könnte wohl sagen … dass ich einiges von dir gelernt habe. Wie gesagt, abgesehen von meiner Familie gab es nicht viel, worauf ich mich verlassen konnte. Aber mit dir fühlt sich diese Welt nicht mehr ganz so trostlos an.
Also … danke. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, bringe ich dir was Interessantes von da unten mit.
Also … danke. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, bringe ich dir was Interessantes von da unten mit.
Jingrans Hobby
Mein Hobby? Das Reich der Trugbilder erkunden, natürlich. Mit diesen Augen kann ich alle normalerweise verborgenen Frequenzen sehen – verlorene Kuriositäten, nicht signierte Schriftrollen … Sobald ich mich ihnen nähere, schreien sie mir förmlich ins Ohr. Manchmal bekomme ich davon Kopfschmerzen. Aber gelegentlich hört man Dinge, die Lebende niemals hören werden … Deshalb würde ich das als etwas Positives sehen.
Jingrans Problem
Meine Sorgen? *seufz* Mein Schlafrhythmus vielleicht? Nachts fühle ich mich besonders inspiriert, und die beste Zeit, um das Reich der Trugbilder zu erkunden, ist nach Einbruch der Dunkelheit. Da führt eins zum anderen … Na ja, du weißt schon. Manchmal sehen mich die Leute tagsüber an meinem Schreibtisch dösen. Wenn man mich dann weckt, könnte ich schwören, am helllichten Tag einen Geist zu sehen. Kurz gesagt ist die Nacht einfach zu kurz.
Lieblingsessen
Wenn du’s unbedingt wissen willst … Süßigkeiten. Vor allem der gedämpfte Reiskuchen, den die Frau meines Shifu macht – frisch aus dem Dämpfer, weich, locker und mit klein geschnittenen Trockenfrüchten bestreut. Diese frische, dezente Süße … Ach, jetzt bekomme ich Appetit. Du solltest nächstes Mal mitkommen und ihn probieren. Sie fragt mich eh ständig, ob ich dich nicht mal mitbringen möchte.
Ungeliebtes Essen
… Ich hab einfach nicht die Geduld, Essen wirklich zu genießen. Aber Milch ist am schlimmsten. Da dreht sich mir der Magen um. Und Saures mag ich auch nicht, genauso wenig wie alles Bittere – kann man das überhaupt noch Essen nennen oder ist das nicht eher Medizin?
Ideale
Muyu ist tot. Ich habe meine Rache bekommen, also habe ich jetzt wohl wieder zu viel Zeit. Aber ein Unterweltwandler bleibt ein Unterweltwandler – immer dasselbe Leben, immer dieselben Reisen ins Reich der Trugbilder. Und da es jetzt endlich ruhiger geworden ist, kann ich mich wieder dem Schreiben widmen. Weißt du, wenn ich durch die Stadt laufe, höre ich ständig, wie sich die Leute fragen, wann das neueste Kapitel von „Abenteuer ins Reich der Trugbilder“ erscheint. Das geht mir auf die Nerven …
Wenn das nächste Kapitel fertig ist, werde ich mich eingehender damit befassen, was es mit Muyu auf sich hatte. Unmöglich, dass ein Mann allein für all das Chaos in Xuanfang verantwortlich ist. Wer auch immer da im Hintergrund die Fäden zieht – ich werde sie alle aufspüren und ihre Knochen zu Staub zermahlen.
Wenn das nächste Kapitel fertig ist, werde ich mich eingehender damit befassen, was es mit Muyu auf sich hatte. Unmöglich, dass ein Mann allein für all das Chaos in Xuanfang verantwortlich ist. Wer auch immer da im Hintergrund die Fäden zieht – ich werde sie alle aufspüren und ihre Knochen zu Staub zermahlen.
Chat: I
Diesen Anhänger haben mir meine Eltern hinterlassen. Ehrlich gesagt kann ich mich kaum noch an ihre Gesichter erinnern. Aber ich weiß noch, dass sie mich jedes Jahr an meinem Geburtstag zu diesem Tempel in den Bergen mitgenommen haben, um dort zu beten. Die Luft hat dort immer nach Weihrauch gerochen, und selbst im tiefsten Winter war der Ort in ein warmes, goldenes Licht getaucht. Sie legten diesen Anhänger mit meinem Namen vor den Altar, senkten fromm ihre Köpfe und beteten zu jedem, der ihnen zuhörte. Heutzutage glaube ich nicht mehr an höhere Mächte oder an dieses ganze Geschwätz vom Schicksal. Und es sind auch nicht mehr die Glücksstäbe oder Wünsche, an denen ich mich festhalte. Es ist das Sonnenlicht nach dem Schnee … und die Erinnerung daran, wie sie an meiner Seite gingen und meine Hände hielten.
Chat: II
Willst du wissen, was es mit diesen Pupillen auf sich hat? Die grüne zeigt meine ursprüngliche Augenfarbe. Und die goldene habe ich erst, seit meine Kraft erwacht ist. Ich muss zugeben, dass es eine Weile gedauert hat, bis ich nicht mehr jedes Mal zusammengezuckt bin, wenn ich mich im Spiegel betrachtet habe. Mittlerweile weiß ich, dass ich mit ihr die verstreuten Frequenzen an den dunklen Orten der Welt sehen kann. So ähnlich wie diese „Yin-Yang“-Augen, von denen die Leute immer reden. Wenn ich so darüber nachdenke … sind deine Augen auch golden. Aber sie sehen nicht aus, als gehörten sie jemand anderem. An dir … sehen sie absolut perfekt aus.
Über Suisui
Die berühmte Frau Chongming-Blütenbrecherin … effizient, klug und unglaublich versiert. Unter ihrer Führung floriert die Zhaoming-Handelsgilde. Sie schafft es, die seltensten Waren aus Städten in und sogar außerhalb von Huanglong aufzutreiben. Wirklich beeindruckend – und ich habe ja schon so manche Relikte und Kuriositäten gesehen. Aber all diese verlorenen Schätze aufzuspüren und wieder auf den Markt zu bringen … Hah, das zeugt von echtem Talent.
Über Qingxiao
Es gibt da eine alte Legende. Ein Mädchen machte sich auf, um in den Bergen nach einem Unsterblichen zu suchen, geriet jedoch in Panik, als es auf eine Tacet-Dissonanz stieß, und stürzte von einer Klippe. In letzter Sekunde wurde es von einem fliegenden Schwert gerettet. Das Mädchen? Das war die Frau meines Shifu. Als Kind habe ich diese Legende tausendmal gehört. Aber ehrlich gesagt habe ich kein Wort davon geglaubt. Bis ich jemanden sah, der auf einer Klinge durch den Himmel flog … In Xuanfang gibt es keine Gottheiten, aber es gibt die Xuan-Meisterin.
Über Muyu
Ein verrückter alter Narr. Leben haben ihm nichts bedeutet, und alles nur wegen seiner erbärmlichen Besessenheit. Eigentlich hätte er vor jedem Grab, das er zu verantworten hatte, auf die Knie gehen müssen. Auch vor dem meiner Eltern. Ich hätte ihn selbst dorthin schleppen und seine Stirn gegen den Grabstein drücken sollen, bis er nachgegeben hätte. Schade, dass er ungeschoren davongekommen ist.
Über Shifu
Mein Shifu hat sein ganzes Leben damit verbracht, durch das Reich der Trugbilder zu wandern, bis er in einem, das plötzlich einstürzte, ums Leben kam. Wäre der alte Mann noch am Leben, würde er vermutlich nur nicken und sagen: „Das ist ein würdiges Ende für einen Unterweltwandler.“ Das hat er mir schon vor langer Zeit beigebracht. Wir stritten uns um seltene Artefakte, die wir im Reich der Trugbilder gefunden hatten. Aber als alles den Bach runterging, war er derjenige, der mich vom Abgrund zurückholte. Die meisten Leute würden sagen: „Seine Zeit war gekommen.“ An so einen Quatsch glaube ich nicht. Er konnte seinen Weg nicht zu Ende gehen, also werde ich es für ihn tun. Und zwar bis zum Ende … ohne jemals zurückzublicken.
Über Qiuyuan
Unsere Meister kannten sich schon sehr lange. Als ich noch ein Kind war, konnte der alte Mann gar nicht aufhören, von ihm zu schwärmen: „Er ist noch jung, aber schon jetzt ist seine Klinge unglaublich schnell.“ Deshalb wollte ich jeden Tag mit ihm trainieren. Dann hat der alte Mann eines Tages einfach … aufgehört, von ihm zu reden. Und wenn ich Fragen stellte, hat er mich zurechtgewiesen. Nachdem ich ihm dann in der Xuanfang-Feste begegnet bin, habe ich es endlich verstanden – er ist wie ein Schwert in einer Scheide. Obwohl es seit Jahren nicht gezogen worden war, summt seine stählerne Klinge noch immer im Dunkeln vor sich hin.
Über den Luchsgeist
Oh, du meinst meinen süßen Dumpling? Haha, ja, der Luchsgeist in meiner Laterne. Wie ich ihn nenne, hängt ganz davon ab, was mir gerade in den Sinn kommt. Einmal hab ich ihn „Anonym“ genannt, da ist er völlig ausgerastet. Es war urkomisch, ihm dabei zuzusehen. Lass dich aber nicht von seinem zahmen Aussehen täuschen. Ich musste mich mächtig ins Zeug legen, um ihn da drin einzuschließen.
Geburtstagswünsche
Alles Gute zum Geburtstag, {PlayerName}. Ich habe meinen eigenen Geburtstag nie groß gefeiert, aber die Frau meines Shifu und meine jüngere Mitschülerin lassen es sich nicht nehmen, viel Aufhebens um ihre Geburtstage zu machen. Also muss ich ihnen jedes Jahr dabei helfen – Laternen aufhängen, Süßigkeiten kaufen, Nudeln für ein langes Leben zubereiten … Ich habe das alles schon so oft gemacht, dass ich die Routineaufgaben mittlerweile ziemlich gut drauf habe. Natürlich bleiben die ganzen Vorbereitungen jetzt deshalb nur noch an mir hängen.
Du kennst mich. Ich zünde keine Räucherstäbchen an, verneige mich nicht vor Altären und bitte ganz sicher nicht irgendwelche Gottheiten um einen Gefallen. Deshalb kann ich auch nicht für jemand anderes Glück beten. Obwohl … In deinem Fall macht es wohl eh nicht viel Sinn zu beten. Ich habe noch nicht viel gesehen, womit du nicht klarkommst.
Also genieße heute einfach, das Geburtstagskind zu sein, und überlass alles andere mir.
Du kennst mich. Ich zünde keine Räucherstäbchen an, verneige mich nicht vor Altären und bitte ganz sicher nicht irgendwelche Gottheiten um einen Gefallen. Deshalb kann ich auch nicht für jemand anderes Glück beten. Obwohl … In deinem Fall macht es wohl eh nicht viel Sinn zu beten. Ich habe noch nicht viel gesehen, womit du nicht klarkommst.
Also genieße heute einfach, das Geburtstagskind zu sein, und überlass alles andere mir.
Entspannen: I
Chronik des Verborgenen, Kapitel 146: Im Raum hingen dichte Spinnweben wie Vorhänge herunter, während der Staub wie große Schneeflocken herabrieselte. Auf dem Schreibtisch flackerte eine einzelne Kerze. Draußen vor dem Fenster … tauchte plötzlich eine schemenhafte Gestalt auf. Eine gespenstisch blasse Hautfarbe, ein knochendünner Körper – wie ein Besucher aus der Unterwelt.
Entspannen: II
Chronik des Verborgenen, Kapitel 148: Der unterirdische Palast wimmelte nur so von Phantomen, und die Luft war erfüllt von einem schweren Verwesungsgeruch. Als ich mich umdrehte, hatte sich die Gestalt hinter mir bereits in eine Tonfigur verwandelt, auf deren Lippen immer noch dieses subtile, verzerrte Lächeln lag …
Entspannen: III
Hmm … Sieh nur, wie sich das Chiliöl überall verteilt. So muss das sein! Willst du auch was? Schau mich nicht so an. Ist dein Problem, wenn du dir das nicht schnappen kannst.
Tss. Wenn du scharfes Essen nicht verträgst, warum tust du dann erst so? Geh einfach wieder zurück in die Laterne.
Tss. Wenn du scharfes Essen nicht verträgst, warum tust du dann erst so? Geh einfach wieder zurück in die Laterne.
Selbstvorstellung
Jingran, ein Unterweltwandler. Ich streife zwischen Yin und Yang umher. Ich folge einem Weg ohne Ziel. Ich wandle zwischen den Schatten, um das andere Ende des Weges zu sehen.
Begrüßung
Geister beugen vor mir das Knie. Kein Trugbild des Schreckens vermag mich zu erschüttern.
Beitritt zum Team: I
Bin nun endlich ich an der Reihe?
Beitritt zum Team: II
Mein Leben aufs Spiel setzen? Jederzeit.
Beitritt zum Team: III
Direkt in die Unterwelt … Besser hätte es nicht kommen können.
Aufstieg: I
Gebunden von dunklem Qi, verfolgt von Geistern … hört sich ziemlich anstrengend an. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Und da sie jetzt auf meine Befehle hören, ist es auch gar nicht mehr so schlimm.
Aufstieg: II
Die Flamme in der Lebenslaterne wird von meinem Leben genährt. Bemitleide mich nicht. Ich würde meine Jahre lieber verbrennen, als sie mir aufzusparen.
Aufstieg: III
Meine Augen … sie brennen. Was einst verborgen war, kommt langsam zum Vorschein. Wenn ich nachts unterwegs bin, vermischen sich der Wind in den Gassen, die Schatten hinter den Mauern und die Stimmen von unten zu einem einzigen ohrenbetäubenden Klang. Doch wenn es endlich still wird, ertappe ich mich dabei, wie ich trotzdem weiterlausche. Nervig.
Aufstieg: IV
Es wird leiser. Endlich kann ich den Unterschied zwischen dem Wind, den Geistern und … den Lebenden erkennen.
Ich dachte immer, die Straße unter meinen Füßen sei nicht für die Lebenden bestimmt und vor mir gäbe es keine Hoffnung mehr. Ich hatte mich so sehr an dieses Leben gewöhnt, doch … ohne dass ich es bemerkt habe, scheint sich etwas verändert zu haben.
Ich dachte immer, die Straße unter meinen Füßen sei nicht für die Lebenden bestimmt und vor mir gäbe es keine Hoffnung mehr. Ich hatte mich so sehr an dieses Leben gewöhnt, doch … ohne dass ich es bemerkt habe, scheint sich etwas verändert zu haben.
Aufstieg: V
Ich glaube nicht an das Schicksal. Und wenn es so etwas wirklich gibt, kann es nur ein schlechter Scherz sein. Zu oft habe ich gesehen, wie gute Menschen sinnlos starben, während die Bösen ein langes, verdorbenes Leben führten. Ich habe gesehen, wie die Gerechten fielen, während andere über Leichen gingen, um Wohlstand zu erlangen – und das mit einem leichtfertigen „So ist das Leben eben“ beiseite wischten, als ob das das Unrecht irgendwie besser machen würde. Dieses Gift schlucke ich nicht.
Wenn es einen für mich vorgezeichneten Weg gibt, werde ich ihn verlassen und meinen eigenen Weg gehen. Ich werde dem Schicksal trotzen und es unter meinen Füßen zertrampeln.
Wenn es einen für mich vorgezeichneten Weg gibt, werde ich ihn verlassen und meinen eigenen Weg gehen. Ich werde dem Schicksal trotzen und es unter meinen Füßen zertrampeln.
Standardangriff: I
Zerschmettern.
Standardangriff: II
Verdammt.
Standardangriff: III
Zermalmen.
Standardangriff: IV
Zersetzen.
Standardangriff: V
Völlig ausgezehrt.
Standardangriff: VI
Ich werde mir deine Seele holen!
Schwerer Angriff: I
Alle Formen zerschmettert!
Schwerer Angriff: II
Das Jenseits ruft!
Schwerer Angriff: III
Brenne … in meiner Laterne.
Schwerer Angriff: IV
Kein Schicksal kann mich aufhalten!
Schwerer Angriff: V
Komm mit mir mit … in die Unterwelt.
Schwerer Angriff: VI
Wo willst du hin?
Luftangriff: I
Meine Laterne weist keinen lebenden Seelen den Weg.
Luftangriff: II
Meine Klinge trennt Leben von Tod.
Luftangriff: III
Kein Schicksal bestimmt meinen Weg.
Resonanzskill: I
Yin und Yang … für immer voneinander getrennt.
Resonanzskill: II
Tausend Seelen gehen hinüber!
Resonanzskill: III
Steigt hinab ohne Reue.
Resonanzskill: IV
Die Schatten trotzen dem Himmel.
Resonanzskill: V
Gebrochene Seelen, geht hinüber.
Resonanzskill: VI
Bis sich … die Dunkelheit ausbreitete.
Resonanzbefreiung: I
Heilige Gebeine verwesen. Der Himmel versinkt in Dunkelheit.
Resonanzbefreiung: II
Die Unterwelt rührt sich. Morgendämmerung und Staub verschmelzen.
Resonanzbefreiung: III
Alle Seelen vereinen sich. Die Welt zerbricht.
Ausweichen
War das alles?
PARIEREN
Ruhe.
Getroffen
… Interessant.
Verletzt: I
Eine harte Nuss …
Verletzt: II
So … jetzt kommen wir der Sache schon näher.
Verletzt: III
Endlich … etwas Blut.
Gefallen: I
Kalte Winde von unten … Endlich ist Ruhe.
Gefallen: II
Den Weg bin ich schon mal gegangen.
Gefallen: III
Der Tod ist einfach … ein anderes Leben.
Echo-Beschwörung
Geister, hört mich an.
Echo-Verwandlung
Böses, verschmelze mit mir.
Feinde in der Nähe
Hah … darauf habe ich mich lange gefreut.
GLEITEN
Nur hier oben macht’s richtig Spaß.
SENSOR
Hab ich dich!
Sprinten
Komm schon, schneller.
Vorratstruhe: I
Endlich was, das meine Zeit wert ist.
Vorratstruhe: II
Nicht schlecht. Wer’s findet, darf’s behalten.
Vorratstruhe: III
Kaum dunkles Qi. Tss. Was für ein Glücksgriff.